Chris Cornell - Scream - Cover
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Chris Cornell Scream


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 60 Minuten
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2/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Ach Chris! Fürchterlich ist es, dein Album durchzuhören.

Von wegen fiese Falle! Zerreist man deinen schockierend neuen Glitzer-Mainstream-Club-Pop gehört man zur unbeweglichen, ewig gestrigen Soundgarden/Audioslave-Liebhaber-Fraktion, hast du dir gedacht, die nichts mit musikalischen Neuerungen und hochinteressanten, komplexen Genrefusionen, wie du sie jetzt mit Timbaland hingelegt hast, zu tun haben will. Alle offeneren Ohren müssen das Ganze im Umkehrschluss dann gut finden, ja? Ach Chris!

Der Dollar wegen hast du dich selbst negiert. Dein drittes Soloalbum – und „Euphoria Morning“ war wenigstens noch halbwegs gut – „Scream“ ist ein Timbaland-Album geworden. In einer Reihe stehst du jetzt da mit Madonna und Justin Timberlake und zählst deine Dollar. Und dieser dicke Producer-Millionär, den alle für einen Gott halten, weil Menschen in den Grundfacetten ihres Daseins konstant zu sein scheinen und Erfolg, hier also Hits, nun mal Göttlichkeit bedeutet und nicht etwa, ach lassen wir das – und dieser dicke Producer-Millionär stellt sich tatsächlich hin und propagiert, es sei die beste Arbeit seiner Karriere gewesen. Ach Chris!

Als vor fast zwanzig Jahren – Soundgarden ist noch fünf Jahre von einem Nummer-eins-Album entfernt – dein Mitbewohner einer schäbigen Seattler Buchte an einer Überdosis Heroin stirbt, der bei einer Band rummuckt, die sich als Vorgängerband von Pearl Jam entpuppen wird, setzt du dich hin und schreibst. Schreibst Texte, schreibst Lieder, gebierst das einmalige Soundgarden-Pearl-Jam-Projekt Temple Of The Dog; und der letzte Gedanke, der dir in jener Situation gekommen wäre: Wie kann ich damit Geld verdienen? Ach Chris!

Das du deine Stimme einmal unendlich vielen Chorus-Overdubs unterziehst, damit sie R&B-tauglich und zu Timbalands Charts-Einheitsbrei werden kann: Wahnsinn. Das du mit Cher und Rock-Fake-Größen wie Linkin Park und Nickelback im selben Boot sitzt und den Auto-Tune-Effekt benutzt, der der bösere Bruder vom ohnehin ambivalenten Vocoder ist und den sonst nur Sänger gebrauchen, die wirklich nicht singen können: unfassbar. Dann glaubst du das Ganze scheinbar: Das Timbaland echt coole Beats am Start hat, tanzbaren elektrifizierten HipHop kreiert und unterziehst dich dieser vollständigen Dekonstruktion all dessen, was du einmal gewesen bist, ganz wie das Cover versinnbildlichen soll, weil du tatsächlich der Meinung bist, dass neuartige, im besten Sinne des Wortes, wertvolle Musik dabei rauskommt. Ach Chris!

Dein früher so emphatisches Gejaule hat kein zu Hause auf deinem dritten Soloalbum. Kaschiert wird es von einer Soundwelt, die existentielle Probleme nicht zu kennen scheint, lediglich die glitzernde Fassade äußerlicher Darstellung. Rock hat alle Freiheiten verloren, erzählst du in Interviews, und das diese jetzt Hip Hop hätte und es daher Notwendigkeit, Folgerichtigkeit habe sich diesem Genre zuzuwenden. Und das geht natürlich nur mit Multi-Millionär Timbaland. Kennst du eigentlich The Cool Kids? Nein, ich glaube dir das nicht, dass du das alles wirklich glaubst; es geht ums Geld, stimmt’s? Ach Chris!

Fürchterlich ist es, dein Album durchzuhören. Es hat etwas von schmieriger Pop-Pomade; will so unglaublich sexy sein und erscheint abstoßend zusammenoperiert. Der beste Moment von „Scream“: wie am Ende des vorletzten Songs, „Climbing Up The Wall“, quasi als Outtake, dreißig Sekunden lang deine Stimme aus dem Off kaum hörbar mit einer akustischen Gitarre ertönt und den Track ausfaded. Ein Studiosnippet, ein Pausenfüller, als schönster, wahrhaftigster Augenblick. Der medikamentöse Genuss von Soundgardens „Badmotorfinger“ und Audioslave’s erstem Album situieren mich zurück in die einzig angemessene Unabdingbarkeit mit dir jetzt, nach diesem widerlichen Werk, umzugehen. Chris Cornell, es ist so unendlich schade, aber: go make your fuckin’ money elsewhere. Und im Übrigen sehe ich es schon kommen: wie du reumütig zurückkehren wirst – irgendwann – und das Cover, wie Phönix aus der Asche, eine aus Schutt und Geröll emporsteigende Gitarre zieren wird.

Anspieltipps:

  • Part Of Me
  • Take Me Alive

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