Herbert Grönemeyer - Was Muss Muss: Best Of - Cover
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Herbert Grönemeyer Was Muss Muss: Best Of


  • Label: Grönland/EMI
  • Laufzeit: 147 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Dieses „Best Of“-Album hat sich seinen Platz unter den Tannenbäumen der Republik redlich verdient.

Was muss, muss! Ein wenig klingt der Name, den Grönemeyer (oder seine Marketingstrategen) dieser Zusammenstellung aus 25 Jahren erfolgreichem Schaffen gegeben haben, als hätte Herr Grönemeyer seine Lieder aus reinem Pflichtbewusstsein unters Volk gebracht. Die Texte des gebürtigen Bochumers sprechen jedoch eine andere Sprache. Seiner Heimat widmete er gleich in den Anfängen seiner Karriere ein ganzes Album („4630 Bochum“) und eine wundervolle Hymne, die bis heute so ziemlich das Einzige sein dürfte, um das andere Städte dieses Landes die triste Arbeiterheimat im Ruhrpott beneiden. „Musik Nur Wenn Sie Laut Ist“ zeugte bereits auf dem 1984 entstandenen Album „Gemischte Gefühle“ nachdrücklich vom ausgeprägten Erzähltalent des Liedermachers, der es verstand, Anliegen zu vermitteln, ohne den lyrisch-pädagogischen Vorschlaghammer zu gebrauchen. Spätere Werke wie „Chaos“ (1993) und vor allem „Bleibt Alles Anders“ (1998) entfernten sich jedoch von den klaren 1:1-Aussagen früherer Zeiten und gerieten – zum Unmut vieler Fans der ersten Stunde – auch kompositorisch wesentlich komplexer, vielschichtiger und weniger leicht verständlich. Den Höhepunkt der elektronischen Experimentierfreude stellte das Remix-Album „Cosmic-Chaos“ (2000) dar, das Trance- und Technoversionen(!) der Songs „Morgenrot“, „Land Unter“ und „Die Härte“ enthielt.

Die erfolgreiche Rückkehr zur textlichen und musikalischen Zugänglichkeit war im Jahr 2002 dann weniger einem Konzept geschuldet, als vielmehr dem Mitteilungsbedürfnis eines Musikers, der mehrere persönliche Schicksalsschläge zu verkraften hatte. Mit dem Werk „Mensch“ verarbeitete er den Tod seines Bruders und das Ableben seiner damaligen Frau und ließ das Volk teilhaben am tiefen Schmerz, den diese Verluste für ihn bedeuteten. Mit der gleichnamigen Single erreichte Grönemeyer erstmals die Höchstplatzierung in den deutschen Charts. Sein – nimmt man zum Maßstab, was Künstler sonst bei Auftragsarbeiten zu großen Sportereignissen verbrechen – gelungener Ausflug in die Weltmusik mit der offiziellen FIFA-Hymne zur Fußball-Weltmeisterschaft „Zeit, Dass Sich Was Dreht“ und der Song „Ein Stück Vom Himmel“ vom letzten Studioalbum „Zwölf“ konnten an diesen Erfolg anschließen.

Gründe genug, um das umfangreiche musikalische Treiben der letzten 25 Jahre auf einer Zusammenstellung zu reflektieren. Die Songauswahl orientiert sich dabei wenig überraschend in erster Linie am Erfolg der jeweiligen Lieder. Entsprechend überproportional wirkt deshalb das Album „Mensch“ auf dieser Kompilation vertreten - und vermutlich wird nahezu jeder Fan eines „seiner“ Lieblingslieder vermissen. Objektiv betrachtet geben die 36 ausgewählten Titel aber einen ausgewogenen Überblick über das Schaffen eines der erfolgreichsten deutschen Künstler aller Zeiten, vom verklärt naiven Beginn („Ich Hab’ Dich Lieb“ - 1982) bis zur routiniert klingenden Gegenwart (die aktuelle Single „Glück“). Ein wenig schade ist es, dass Grönemeyer die Möglichkeit nicht nutzt, den Hörern die eine oder andere „überhörte“ Perle aus der Vergangenheit näher zu bringen. In diesem Fall hätte wohl auch ein so großartig unauffälliger Song wie „Selbstmitleid“ seinen Platz in dieser Auswahl gefunden, denn textlich war der Bochumer nie stärker, als in dieser tongewordenen Zustandsbeschreibung der Depression („Und du stehst im Regen/ Und du wirst nicht nass/ Denn es regnet an dir vorbei/Über deinen Lieblingswitz hat wieder keiner gelacht/Tu dir Leid, Tu dir Leid, Tu dir Leid“).

Trotzdem hat sich dieses „Best Of“ seinen Platz unter den Tannenbäumen der Republik redlich verdient. Nicht zuletzt mit der Gründung seines Labels „Grönland-Records“, das zuletzt einen so großartigen Nachwuchskünstler wie Philipp Poisel entdeckte, hat sich der gute Herbert nachhaltig um die Relevanz deutschsprachiger Musik verdient gemacht. Und um den üblichen Vorurteilen gegenüber dem eigenartigen Gesangsstil und der Massenkompatibilität Grönemeyers präventiv entgegenzutreten: Große Sänger waren auch Bob Dylan und Leonard Cohen nicht und es ist sicherlich kein Makel, den Geschmack der Masse zu treffen. Die musikalischen Leistungen des Herrn Grönemeyer nicht anerkennen zu können, weil die Nachbarstochter, der Hausarzt und Mamas beste Freundin den auch toll finden, ist da viel eher bedenklich. Also lieber einmal die pseudointellektuellen „Ich hör’ doch nicht, was alle hören“ -Vorurteile ablegen und zuhören, denn: Was muss, muss!

Anspieltipps:

  • Mensch
  • Bleibt Alles Anders
  • Land Unter
  • Männer
  • Musik Nur Wenn Sie Laut Ist
  • Bochum

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