Enya - And Winter Came... - Cover
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Enya And Winter Came...


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 45 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Grüner Tee, Yoga, Kerzenlicht, Spiritualität, Kirche, Weihnachten, Glockengeklimper, Ausdruckstanz.

Die Metapher „Im Herbst des Lebens“ bezeichnet die späten Jahre der Existenz des Individuums. Eine Zeit, in der bestimmt noch etwas geht, die es mit der gewonnen Weisheit der vielen vorangegangen Jahre zu genießen gilt. Der „Winter des Lebens“ dürfte demnach eher die Zeit beschreiben, in der wir in den letzten Zügen liegen, das unvermeidliche Ende inbegriffen. Da geht dann wohl eher nichts mehr. Für diese Zeit scheint „And Winter Came“ konzipiert. Klagende, bedeutungsschwere Klänge leiten das neue Werk der irischen Künstlerin Enya ein und aus. Auf solche scheint die musikalische Märchenfee ein wenig festgelegt, seitdem ihr Song „Only Time“ – welchem auszuweichen in der Zeit nach dem 11. September 2001 ungefähr so schwierig war, wie Osama Bin Laden zu finden – die Welt getröstet hat. Dabei hatte vor ziemlich exakt 20 Jahren ihre Karriere mit dem Titel „Orinoco Flow (Sail Away)“ doch noch so fröhlich und optimistisch begonnen.

Grüner Tee, Yoga, Kerzenlicht, Spiritualität, Kirche, Weihnachten, Glockengeklimper, Ausdruckstanz. So steht’s nach dem ersten Hören auf dem Ergebniszettel eines ambitionierten Brainstormings zu ihrem neuen Werk. Eine weitere Assoziation, die sich beim Hören aufdrängt, wäre zudem „U-Bahn-Schacht“! Denn die Stimme der Künstlerin ist mit derart viel Hall belegt, dass es wirkt, als würde sie ihre traurigen Weisen aus einem solchen heraus rufen. Das klingt dann zwar manchmal auch wie ein Chor, tatsächlich ist es jedoch wirklich immer nur die geheimnisvolle Irin, die da ein wenig einschläfernd (die Presseinfo nennt’s „atmosphärisch“) in endlos übereinander gelegten Tonspuren über die dunkle Jahreszeit sinniert.

Interessant wird das Werk an den seltenen Stellen, an denen der Gleichklang der getragenen Töne durch die resolute Erhöhung der Taktfrequenz unterbrochen wird. „White Is In The Winter Night“ und die Vorab-Single „Trains And Winter Rains“ heben sich so deutlich vom sphärischen Einheitsbrei ab. „My! My! Time Flies!“ überrascht zum Ende gar mit einem dramatischen Gitarrensolo und offeriert ein „One-Way-Ticket To Mars“, welches manch einer wohl gern direkt der sich anschließenden gefühlten viermillionsten Interpretation von „Silent Night“ in die Hand drücken würde.

Ein neues „Boadicea“ (welches den Fugees einst als Sample für ihren Nr. 1-Hit „Ready Or Not“ diente und als Hintergrundmusik der Stephen-King Verfilmung „Schlafwandler“ das Blut zum Gefrieren brachte) ist Enya leider nicht eingefallen. Sollte die Welt in den nächsten Monaten von umstürzenden Zwillingstürmen und ähnlichen Katastrophen verschont bleiben, wird „And Winter Came“ deshalb vermutlich recht schnell wieder in Vergessenheit geraten. In der Weihnachtszeit dürfte sich jedoch die Spiritualität der letzten Yoga-Stunde in der Kirche (mit Glockengeklimper und Ausdruckstanz!) zur Musik von Enya hervorragend reflektieren lassen. Bei grünem Tee und Kerzenlicht, versteht sich.

Anspieltipps:

  • Trains And Winter Rains
  • My! My! Time Flies!

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