The Prodigy - Invaders Must Die - Cover
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The Prodigy Invaders Must Die


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Einen Teil ihrer Amnestie dürften die Briten mit diesem Trip in die Vergangenheit abgelegt haben.

Seit dem ersten offiziellen Lebenszeichen, der EP „What evil lurks“, die 1991 erstmals den Fokus auf ein paar schlecht gekämmte Herrschaften richtete, die hoch gepitchte Hip Hop-Beats mit Disco und House verbanden, waren The Prodigy bei XL Recordings unter Vertrag. Den schier unaufhaltbaren Höhenflug, der zwar mit dem Debüt-Longplayer „Experience“ (09/1992) noch nicht ganz zu erfassen war, aber spätestens mit „Music for the jilted generation“ (02/1995) und dem viele All Time Favourite-Listen zierenden und mehrere andere Erfolge wie Platin-Auszeichnungen einheimsenden „The fat of the land“ (06/1997) zu einem unumstößlichen Fakt geworden war, sorgte nicht nur bei der Plattenfirma von Liam Howlett, Keith Flint, Maxim Reality und dem 2000 ausgestiegenen Leeroy Thornhill für strahlende Gesichter. Doch selbst nach einer längeren Zwangspause, die ausgiebig für Nebenprojekte genutzt wurde und dem verhaltenen Comeback, das Howlett in Eigenregie mit der Single „Baby´s got a temper“ (07/2002) gehörig in den Sand setzte, stand XL hinter den Rave/Breakbeat/Electrorock-Pionieren und gewährte dem recht durchwachsenen Nachfolger „Always outnumbered, never outgunned“ (08/2004) grünes Licht.

„Invaders must die“ bricht nun mit dieser Tradition und erscheint beim bandeigenen Label Take Me To The Hospital. Ob dieser Schritt bereits andeuten sollte, dass The Prodigy wieder mit kompletter Mannschaft die Dance-Szene aufmischen wollen oder ob die Best Of-Zusammenstellung „Their law: The singles 1990-2005“ (10/2005) und die im August des Vorjahres veröffentlichten Remasters der ersten beiden Alben ein Fingerzeig auf reine Vertragserfüllung waren, sei dahingestellt. Schließlich zählt das Endprodukt und das ist im Falle des fünften Albums der drei Briten eine faustdicke Überraschung, denn obwohl das dargebotene Material als Nachfolger zu „The fat of the land“ mehr Anknüpfungspunkte gehabt hätte als zum 2004er Output, kehren die elektronischen Wunderkinder mit einer ordentlichen Ladung Retro-Sounds zurück, was heutzutage nicht nur ein gewagtes Unterfangen ist, sondern auch der Band durch Unterstellung von Einfallslosigkeit das Genick brechen könnte.

Gut, der mit D&B-Sounds der Marke Pendulum hantierende Titeltrack ist ja schon hinlänglich bekannt und sicherlich einer der schwächsten Stücke auf der neuesten Langrille der Briten, aber als Vorgeschmack ist auch diese brachiale Nummer ein sowohl kräftiges als auch willkommenes Lebenszeichen „back to the roots“. Richtig los geht es erst in „Omen“ mit knarzigen Acid-Loops, fiepsigen Synthies (die The Prodigy schon immer verstanden haben nicht nervig klingen zu lassen) und einer destruktiven Bassline, die sich auf dem ganzen Album eher an die Dicke Hose-Produktion von 1997 anlehnt, denn in wohl austarierte Gefilde wie auf „Always outnumbered, never outgunned“ auszubrechen. Allein daran ist hörbar, dass sich der Dreier lieber darauf spezialisiert hat, was ihn groß gemacht hat anstatt mühevoll Neues zu erschaffen. „I hear thunder, but there´s no rain“ heißt es dann im unberechenbar-tanzwütigen Breakbeat-Monster „Thunder“, das im Unterbau einige Beats von „Experience“ untergebracht hat, unter anderem aus „Out of space“, was auch durch die Vocals bestens unterstrichen wird.

Eine ganz ordentliche Fingerübung in Sachen 8bit-Sounds ist dann „Colours“ geworden, außer der netten Melodie kann dieser Track aber nicht wirklich überzeugen und muss vor dem wesentlich stärkeren Material auf „Invaders must die“ den Hut ziehen. Die Hymne für ihr neues Label „Take me to the hospital“ schlägt nämlich ein wie eine Bombe und vereint erneut Keyboard-Samples des Debüts mit durchschlagenden Argumenten im Bassbereich, was „Warriors dance“ zum Anlass nimmt die alten Tage noch stärker einzubinden und sein Grundgerüst komplett um die hyperaktiven Beats eines „Music reach 1/2/3/4“ oder „Wind it up“ zu bauen. Dem schwer groovenden „Run with the wolves“ durfte Dave Grohl ein paar Drumpatterns beisteuern, während „Omen reprise“ lediglich als Übergang zu „World´s on fire“ dient, das eine weitere musikalische Abreibung in bester The Prodigy-Manier darstellt und schon auf einigen Live-Auftritten der Truppe für einen bleibenden Eindruck sorgte. Leider orientieren sich Howlett & Co. anschließend in „Piranha“ zu stark am fröhlichen Partysound von Apollo 440 zu „Getting high on your own supply“-Zeiten und auch der eigentlich nett gemeinte Rausschmeißer „Stand up“ klingt nach mäßig interessantem Fatboy-Slim-Breakbeat mit gut aufgelegten Bläsersätzen.

Nichtsdestotrotz knallen The Prodigy mit „Invaders must die“ eine Scheibe hin, die sich endlich mal wieder richtig hören lassen kann und der nicht nach der Hälfte die Ideen und die Luft ausgehen. Ein paar Schönheitsfehler und überambitionierte Ideen müssen sicherlich verschmerzt werden, aber besser und spannender als „Always outnumbered, never outgunned“ ist die Fünfte der Wunderkinder allemal. Damit dürfte auch für Mr. Howlett klar sein, dass er lieber ein paar Jahre warten hätte sollen um mit Flint und Reality eine Scheibe in Angriff zu nehmen anstatt das eigene Denkmal zu beschmutzen. Einen Teil ihrer Amnestie dürften die Briten mit diesem Trip in die Vergangenheit unter Berücksichtigung der Gegenwart in der Szene und bei all den Fans aus anderen Lagern jedenfalls abgelegt haben.

Anspieltipps:

  • Omen
  • Thunder
  • World´s On Fire
  • Run With The Wolves
  • Take Me To The Hospital

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