Antony And The Johnsons - The Crying Light - Cover
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Antony And The Johnsons The Crying Light


  • Label: Rough Trade/INDIGO
  • Laufzeit: 39 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Um eines vorwegzuschicken: Eigentlich ist jedes Wort dieser Rezension überflüssig, denn die Musik, von der sie erzählen möchte, ist im Grunde unbeschreiblich. Antony Hegarty vereint gleich mehrere Alleinstellungsmerkmale auf sich: Eine Stimme, der sich keine Klangfarbe, nicht einmal ein Geschlecht sicher zuordnen lässt. Lieder, die häufig seltsam zerfasert und strukturlos wirken und doch mit jedem Hören neue, ergreifende Harmonien offenbaren. Eine Instrumentierung, die vordergründig aus Klavier und Kammerorchester besteht, sich zu Gunsten des Gesangs jedoch immer wieder nahezu vollkommen verflüchtigt.

Wer allerdings ausreichend Phantasie besitzt, um sich unter einem weinenden Licht etwas Klingendes vorstellen zu können, der ist möglicherweise dann doch schon recht nah an dem, was Antony gemeinsam mit den Johnsons auf „The Crying Light“ auszudrücken vermag. Mit dunklem Stift zeichnet Hegarty undeutliche Skizzen einer verlorenen Welt, um seinen stets wehmütigen, zerbrechlichen Gesang mit zauberhaften Melodien zu konterkarieren, die wie flackernde Lichter in der Düsternis leuchten. „I need another world/ This one's nearly gone/ I'm gonna miss the birds/ Singing all there songs/ I'm gonna miss the wind/ Been kissing me so long” wünscht sich der zweifelnde Romantiker eine neue, andere Welt und beschreibt in ergreifend lyrischen Worten die vergängliche Schönheit der entschwindenden und doch noch gegenwärtigen Natur. Widersprüchlichkeiten finden sich ohnehin zuhauf in seinen Texten, die letztlich ein unverklärtes Abbild seiner nicht minder widersprüchlichen Persönlichkeit sind.

Die bittere Süße, die ein Song wie „Kiss My Name“ versprüht, bevor er sich in euphorisch jubilierenden Streichern verliert; die Dramatik der einfachen Klaviermelodie, die „Daylight And The Sun“ in ein Finale trägt, dass sich fast vollständig auf den entrückten Klang von Antonys Stimme reduziert; die pathetische Opulenz, die das abschließende „Everglade“ für einen Augenblick strahlend aufleuchten lässt – all dies sind wahrhaftig große Momente der Musik. Erschaffen von einem Mann, der die Suche nach der eigenen Identität in einer Virtuosität vertont, die ihresgleichen sucht. Trotz aller Traurigkeit, aller Verlustängste, aller Bitterkeit, die den Texten inne liegt, wirkt dieses weinende Licht im Gesamten doch seltsam hoffnungsvoll. „Die Hoffnung die Du bringst“ fällt mir da ein, ein Song der deutschen Band „Element Of Crime“, der eine Textzeile enthält, welche die unfassbare Erhabenheit dieses Werkes beschreiben könnte: „Groß ist nur/ Was man nicht erkennen kann/ Und größer noch/ Was man nicht begreift.“ Womit wir wieder am Anfang dieser Rezension angelangt wären.

Anspieltipps:

  • Epilepsy Is Dancing
  • Kiss My Name
  • Another World
  • Daylight And The Sun
  • Everglade

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