Morrissey - Years Of Refusal - Cover
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Morrissey Years Of Refusal


  • Label: Decca/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Herzzerreißende Melancholie im Paket mit blankem Zynismus.

Müssen wir uns Sorgen machen? Nachdem der gute Steven Patrick Morrissey sich für „You Are The Quarry“ mit Frack und Maschinenpistole ablichten lies und für „Ringleader Of The Tormentors“ Letztere durch eine Geige ersetzte, hält er nun auf dem aktuellen Cover wahrhaftig einen Säugling im Arm. Für das Folgewerk ließe sich diese Verniedlichung wohl nur noch ausbauen, hielte er dann ein Sträußchen weißen Flieder in den Händen und trüge dazu ein „I Love My Mum“-T-Shirt. Ein wenig bedenklich stimmt das Coverbild von „Years Of Refusal“ auch deshalb, weil sich die Maschinenpistole einst tatsächlich in textlich durchaus kampflustigen Songs wie „Irish Blood, English Heart“ oder „America Is Not The World“ entlud und die Geige als Symbol für ein ausladend orchestral instrumentiertes Werk verstanden werden durfte. Die Frage, wo der niedliche kleine Fratz nun in seinen Geschichten über die, frei übersetzt, „Jahre der Ablehnung“ zu finden ist, lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit beantworten. Vermutlich ist es der pure Sarkasmus - auf dem letztendlich nahezu jeder seiner Texte gründet - der ihn zu dieser Pose inspirierte. "Could this be an Arm around my Waist?/ Well, surely the Hand contains a Knife" singt er im letzten Akt dieses Werkes und nährt die Vermutung, dass sich sein gesundes Misstrauen gegenüber der Menschheit im Allgemeinen mittlerweile zu einem ausgeprägten Verfolgungswahn ausgeweitet hat.

Und dieser ist nicht einmal unberechtigt, betrachtet man die Rassismus-Vorwürfe, die auf sein Bekenntnis zu den Werten des Vaterlands folgten oder die unmöglich zu befriedigende Erwartungshaltung all jener Fans, die den Titel der Smiths-Biographie „Songs That Saved Your Live“ bis heute wörtlich nehmen und denen Morrissey mit jedem neuen Album gefälligst mindestens über die jeweils aktuelle Lebenskrise hinweghelfen soll. Doch ein wenig unerwartet nähert sich Morrissey mit „Years Of Refusal“ tatsächlich wieder den Klängen an, die „The Smiths“ einst zur Legende erwachsen ließen, was nicht nur am sehr exponiert eingesetzten Schlagzeug liegt, das ungewöhnlich wild und treibend durch die Mehrzahl der Lieder galoppieren darf. Insgesamt wirken die Kompositionen hier wieder deutlich rauer und direkter als auf den beiden zum Spätwerk des Charismatikers zu zählenden Vorgängeralben, was der Eingängigkeit seiner Melodien, gewohnt gefühlvoll getragen von einer der größten Stimmen unserer Zeit, keinen Abbruch tut. Herzzerreißende Melancholie gibt es heuer jedoch nur noch im Paket mit blankem Zynismus. Scheint Morrissey im wundervoll melodischen Schmachtfetzen „I’m Throwing My Arms Around Paris“ musikalisch auch die ganze Welt umarmen zu wollen - die ernüchternde Feststellung, dass die Liebe zur derzeitigen Heimat nur dem Mangel an Alternativen geschuldet ist, folgt auf dem Fuße: „Because only Stone and Steel/ Accept my Love“.

Die Tragik seiner Verse lässt „Years Of Refusal“ jedoch nie im Jammer versinken, das Drama des noch immer jungen Dichters kommt mit Wut und Schweiß, Mariachi-Bläsern und Trompeten daher und gerät zum entschlossenen Tritt in die Hinterteile all Jener, die ihm altersmilde Stagnation prophezeiten! Fragwürdig ist allerdings das Recycling der Songs „All You Need Is Me“ und „That’s How People Grow Up“, die bereits auf der Greatest Hits-Kompilation zu finden waren. Denn „Years Of Refusal“ klingt keineswegs danach, als fehle es dem Meister an Ideen, um mehr als zehn wirklich neue Songs unter’s Volk zu bringen. Sorgen müssen wir uns um Morrissey dennoch nicht machen - da wird uns auch ein Sträußchen weißer Flieder zukünftig nicht erschrecken können!

Anspieltipps:

  • Black Cloud
  • I’m Throwing My Arms Around Paris
  • When I Last Spoke To Carol
  • It’s Not Your Birthday Anymore
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