Phillip Boa And The Voodooclub - Diamonds Fall - Cover
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Phillip Boa And The Voodooclub Diamonds Fall


  • Label: Constrictor/Rough Trade
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Der in den 90ern übertrieben stark dominierende Elektroanteil wurde auf „Diamonds Fall“ nochmals vermindert.

Schon mal was von Phillip Boa und seinem aus fünf Mitgliedern bestehenden Voodooclub gehört? Ja? Und Gefallen daran gefunden? Nein? Oh, dann niemals dem werten Herren über den Weg laufen und ihn dann vielleicht auch noch Kritik aussetzen! Denn wenn jemand das Klischee eines verschrobenen Künstlers gut verkörpert, dann dieser werte Herr hier! Wer seiner Zeit den Chef der seit 25 Jahren bestehenden Band mit Kritik konfrontierte, musste sich ganz schön was anhören. Dabei zählen einige Dinge aus den 90ern durchaus nicht zu Boas Glanzstücken. Sei es drum, denn seit der Jahrtausendwende findet der exzentrische Künstler mehr und mehr zurück auf die alte Erfolgsstraße.

Der in den 90ern übertrieben stark dominierende Elektroanteil wurde auf „Diamonds Fall“ nochmals vermindert. Stattdessen finden sich die Stücke fast bis auf die Knochen ausgezogen und so weit reduziert wie nur irgend möglich wieder. Dabei baut Boa zusammen mit Produzent Tobias Siebert in filigraner Kleinarbeit winzige Details in jeden einzelnen Song ein, die zwar Zurückhaltung demonstrieren, bei näherer Betrachtung allerdings für seinen Perfektionismus sprechen. Ebenjener macht aus jedem noch so kleinen Stück Musik auf dem neuesten Album ein kleines Kunstwerk, welches unbeachtet von heutigen überladenen Bombastproduktionen mit seinem nackten Charme zu glänzen vermag.

Der Titelgeber begrüßt seine Zuhörer mit Piano und minimalistischen Elektrobeats. Lediglich Boas melodischer Sprechgesang kämpft sich durch diese Linien. Doch sobald sich der Refrain ankündigt, bricht das Stück aus dieser zurückhaltenden Art aus und schlägt um in einem Ohrwurm, wie er an erster Stelle des Albums kaum hätte besser stehen können. Mit „Valerian“ wird es im Anschluss eine Spur melancholischer und ganz nebenbei bemerkt macht 46-jährige gebürtige Dortmunder auch hier in seiner Paradedisziplin (melancholisch, verträumt, Mid-Tempo) eine beeindruckend gute Figur. „Fiat Topolino“ bricht mit seinen Funk-Strukturen als erstes aus dieser Reihe aus. Für die einen vielleicht ein zu deutlicher Versuch, die frühen Red Hot Chili Peppers zu kopieren, die anderen jedoch werden begeistert sein von einem von vielen Percussionspassagen durchzogenen Stück mit der bestens aufgelegten Sängerin Pia Lund!

Natürlich bleibt die Boa-typische Melancholie jetzt nicht plötzlich auf der Strecke, was Stücke wie „The world has been unfaithful“, „Jane Wyman“ und das zu Recht als Vorabsingle ausgewählte „Lord have mercy with the 1-eyed“ beweisen. Die „Einer geht noch rein“-Chöre zu Beginn von „60’s 70’s 80’s 90‘s“ sind etwas gewöhnungsbedürftig und auch das eigentliche Stück ist mit seiner psychedelischen Note faszinierend und eigenartig zugleich. Aber an Phillip Boa haben sich ja schon immer die Geister geschieden, warum sollte sich das gerade mit diesem Album ändern? „DJ Baron cabdriver“ und das letzte Stück „Black light“ sorgen im Anschluss für einen angenehmen, fast schon unauffälligen Ausklang eines sehr guten Albums.

Das wohl faszinierendste an „Diamonds Fall“ ist die Art und Weise wie Boa jedes noch so kleine Detailstück in das gesamte Puzzle einsetzt und jeder Song dabei zunächst simpel erscheint und einfach ins Ohr geht. Aber anstelle davon, dass die Nummer dieses so schnell wieder verlassen würde, verharrt es dort ewig und bei jedem weiteren Durchgang findet sich ein neues winziges Detail in den facettenreichen Stücken des Kunstwerkes. Auf alle Fälle kann ich nur empfehlen, dieses Album mit (guten) Kopfhörern zu genießen, denn nur so wird wirklich jedes Detail aufgespürt und der ganz nebenbei bemerkt fantastische Stereosound vollständig wahrgenommen. Tiefe Verbeugung Herr Boa, denn das war ein nahezu perfekter Treffer!

Anspieltipps:

  • Diamonds Fall
  • Fiat Topolino
  • Lord have mercy with the 1-eyed
  • Black light

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