Lily Allen - It´s Not Me, It´s You - Cover
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Lily Allen It´s Not Me, It´s You


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 44 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Hat Lily ihre böse Zunge verloren? Kein Bisschen!

Lily Allen ist ein Alpha-Tier. Als eine der Ersten konnte sie sich im Myspace-Getümmel Luft verschaffen, erregte durch ihre nicht selten sehr direkte, aber herzallerliebst-unverschämte Art und Weise in ihren Blog-Einträgen Aufmerksamkeit und streifte im gleichen Atemzug einen Major-Plattenvertrag mit EMI ein, der aufgrund von 2,5 Millionen verkauften Platten ihres Debüts „Alright, still“ (07/2006) den Hype um ihre Person auf ein geradezu unmenschliches Niveau anhob. Doch selbst im Rampenlicht der Klatschpresse zeigte Allen, dass sie nicht auf den Mund gefallen war und wetterte im gleichen Stil über Stars, Sternchen und Frühstücksflocken weiter, wie sie es noch als eine unter vielen getan hatte. Dass sich Lily damit einige Feinde machte und nicht jeder dem bissigen Humor und scharfzüngigen Witz der mittlerweile 23jährigen etwas abgewinnen konnte, dürfte selbsterklärend sein. Umso überraschender war es, dass Miss Allen trotz ständiger Eskapaden (Drogen, Alkohol, Unten-Ohne auf Partys, Oben-Ohne beim Sonnenbaden) eine menschliche Note bewahrte und sich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte.

Mit „It´s not me, it´s you” macht sie jetzt einen konsequenten Schritt nach vorne und präsentiert sich als gereifte und im Vergleich zum unbekümmerten Vorgänger melancholische Persönlichkeit, die erneut viel zu sagen hat. „Ich versuche immer Songs zu schreiben, die mein Leben betreffen, aber auch universell sind. Ich denke, dieses Album ist vielleicht ein wenig dunkler, aber nicht, weil ich eine düstere Sicht auf mein Leben habe. Ich bin jetzt glücklicher, als bei der Veröffentlichung von „Alright, still”. Als ich das erste Album geschrieben habe, fühlte ich, dass ich mit mir rang. Ich wollte etwas machen und fühlte, dass es niemanden interessierte. Nun fühle ich, dass die Leute sehr interessiert und auf das neue Album gespannt sind” erklärt Lily und versucht mit Fanfarenlauten, Disco-Beat und Elektro-Samples den augenzwinkernden Auftakt des Vorgängers (Anmerkung: der Opener „Smile“ legte gleich mit der Zeile „When you first left me I was wanting more / But you were fucking the girl next door“ los) mit „Everyone´s at it“ zu übertönen. Dummerweise geht die Drogenthematik ein wenig im Bombast unter, was zum Glück die Ausnahme bleibt, auch wenn die zuckersüße Stimme Allens allgemein nicht mehr so stark im Vordergrund steht wie bei „Alright, still“.

Der Freude am Erschließen von „It´s not me, it´s you“ tut dies allerdings keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil! Beinahe jeder Song birgt eine kleine Melodie, die zwar ohrwurmfreundlich angelegt ist, aber nicht sofort mit der Tür ins Haus fällt, obwohl die Bandbreite beim Vorgänger wesentlich verspielter und stimmiger ausgefallen ist, als der eine oder andere gewöhnungsbedürftige Pop-Zierrat von Album Nummer 2. Ähnlich verhält es sich mit Lilys Texten, die sie erneut zusammen mit Produzent Greg Kurstin (Kylie Minogue, Britney Spears, Nelly Furtado) geschrieben hat und in denen äußerst unterschiedliche Themen zur Aussprache gebracht werden. Am Interessantesten gestalten sich „The fear“ (die verschwommene Sicht der Stars auf das Leben), „Him“ (Lily sinniert im Hinblick auf die Anschläge des 11. September über Gott), „Not fair“ (ein witziger Beitrag über die vorzeitige Ejakulation des Mannes) und „Fuck you“, in dem die Engländerin unmissverständlich ihren Unmut über jegliche Rassisten dieser Welt zum Ausdruck bringt. Was natürlich nicht heißen soll, dass die restlichen Songs keine Substanz oder Aussage hätten, aber im Hinblick auf das stets schelmische Grinsen im Gesicht der 23jährigen auf dem Debüt und in eben diesen Stücken, sowie der damit einhergehenden bissigen Kommentare sind die weiters vorhandenen Geschichten über die Dummheit des männlichen Geschlechts („Never gonna happen“), Beziehungen („Who´d have known“, „Chinese“) oder ihren Vater („He wasn´t there“) regelrecht brav ausgefallen.

Hat Lily also ihre böse Zunge verloren? Kein Bisschen! Sie versucht auf ihrer zweiten Platte lediglich bösartige Kommentare und Beleidigungen etwas schöner zu verpacken statt sie gerade heraus der jeweiligen Person oder Menschengruppe ins Gesicht zu sagen. Dadurch verliert „It´s not me, it´s you” ein wenig an Biss, was nicht nur an einer subtileren Herangehensweise liegt, sondern auch auf ihre persönliche Entwicklung zurückzuführen ist. Auf musikalischer Seite ist es jedoch bedauerlich, dass nicht mehr spritzige Ideen wie „Not fair“ im Square Dance-Kleid, „Never gonna happen“ mit Einbindung russischer Folklore, klassischer Swing wie in „He wasn´t there“ oder „Fuck you“ mit unwiderstehlicher Musical-Klaviermelodie in das Oeuvre eingeflossen sind. „Ich denke, ich bin als Mensch ein bisschen erwachsener geworden und hoffe, das spiegelt sich im Album wieder“ – Führwahr, aber irgendwie wünschen wir uns auch ein wenig die alte, direkte und unkomplizierte Lily zurück, die über ihren zugedröhnten Bruder singt („Alfie“) und lästige Anmachsprüche kontert („Knock ´em out“). Fürs erste geht die neue Miss Allen aber auch völlig in Ordnung.

Anspieltipps:

  • Him
  • Not Fair
  • The Fear
  • Fuck You

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