Blainbieter - Nicer Dogs - Cover
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Blainbieter Nicer Dogs


  • Label: Blank Records/Broken Silence
  • Laufzeit: 48 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Bearbeitetes Sirenengeheul, das wohl mal Gitarre war und dann die plötzliche Explosion, die sich aber nicht ausweitet wie eine gewöhnliche (welche Explosion ist schon gewöhnlich?), sondern langsam und kraftvoll. Eine Welle, die auf den Hörer niederstürzt und ihn unter einer dicken Schicht begräbt, die irgendwo zwischen Mars Volta und Joycehotel ihren Ursprung fand. Der unkonventionelle Aufbau, gerade im Verbund mit dem lang gezogenen, aber nicht langweiligen Intro, als Bindeglied zu Mars Volta und die tiefschwarze Schwere der modernen Gesellschaft in den krachenden Tönen und dem kalten, erbarmungslosen Takt. „Nicer Dogs“ ist Kopfkino Made in Germany!

Das die Schonungslosigkeit schonungslos ist, ist ja irgendwo klar und so spalten sich die Massen spätestens nach „Jackie“, das mit Genöle-Gesang daherkommt und den Industrial-Sound noch mehr in den Fokus rückt. Und wieder dieses Schleppende, als müssten die Musiker noch einen schweren Stein hinter sich herschleppen, als sei es allein ihre Aufgabe, das Elend der Menschheit mit sich zu ziehen. Umso irritierender erscheint „Tonight“ mit weiblicher Engelsstimme und so etwas wie Hoffnung, ohne den Schwermut ganz fahren zu lassen. Ganz plötzlich liegt in der Schwere eine Leichtigkeit. Vielleicht wurde der Felsbrocken aber auch nur mit Zuckerglasur überzogen. Auch „Some People Say“ will sich aber nicht ganz von einer leichteren Melodieführung trennen und auch der Engel haucht im Hintergrund. Ein Friedensangebot oder doch nur eine verschachtelte Falle?

Oder etwas völlig Anderes? „Alpen“ entführt den Hörer in eine Mischung aus Wohligkeit und Tränenmeer. Ob man gerade eine melancholische Aussicht genießt oder Bambi den Tod der Mutter verkraftet, ist zeitweise nicht klar auszumachen und gegen Ende mogeln sich Dissonanzen ein, die nicht recht zuzuordnen sind. Dieser Song beschreibt, was immer wieder auffällt: Blainbieter haben sich voll darauf konzentriert keine Grenzen zu gestalten, doch sie sind so klar herauszuhören, dass man sich nicht entscheiden kann, was ihre Musik nun genau aussagen soll. Das lässt zwar immer neue Interpretationen zu, hinterlässt aber manchmal auch schlichtweg Ratlosigkeit, die den Hörer nicht wirklich glücklich macht. Der Abschluss des ersten Teils „Fin2“ ist kurz und knapp und springt irgendwo zwischen Lebhaftigkeit und Unvollkommenheit herum. Richtig zünden, wie der Beginn will es nicht.

Die zweite Hälfte ist sogleich um Besserung bemüht und „Jackies Cousine“ hinterlässt einen enormen Eindruck, wenn die Wellen von Dreck und Schmutz wieder über einem Zusammenklatschen und auf einen niederprasseln, wie es die sich gegenseitig zersägenden Gitarrenstimmen vormachen. Wie als Entschuldigung für jene die dies nicht verkraften konnten, ist „Broken“ eine schlichte Noise-Ballade, die mit einem weichren Gesang und seichteren Gitarren, eine Schneeflocke von Milliarden wäre. Nicht mehr, nicht weniger. Eine Schneeflocke kann ja ganz hübsch sein. Blainbieter sind nun mal anstrengend. Das ist nichts für den gemütlichen Abend und besonders nichts für Partys oder Hochzeiten.

Auch wenn das Album mit „Crow“ noch mal richtig anschmiegsam wird, hallen die harten, unsanften, kratzigen Töne aus „Mama Ben“ immer noch nach. „Fin1“ passt schon viel besser zu einem richtigen Ende, ist es aber komischerweise auch nicht und es gibt noch den Abspann nach dem Abspann in Form von „Crazy Horst“ in welchem sanft das Thema des Beginns dieser Platte noch mal aufflackern darf. Was hieran crazy oder dergleichen sein soll… einfach nicht nachfragen. Überhaupt kann man hier nur richtige oder falsche Fragen liefern. Dafür kann man bei diesem Album sowieso nicht sein. Man kann nur entscheiden, ob man den Herren beim Schleppen der Last zusieht oder sich als Teil des Ganzen Bildes sieht. Die Frage ist dann nur, ob man zieht oder selbst Teil des Felsens ist.

Anspieltipps:

  • Nicer Dogs
  • Tonight
  • Jackies Cousine

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