Ghost Of Tom Joad - Matterhorn - Cover
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Ghost Of Tom Joad Matterhorn


  • Label: Richard Mohlmann Records
  • Laufzeit: 41 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

„Auf dass The Kilians bald die Konkurrenz bekommen die sie verdienen.“. Mit diesem Satz endete die Rezension zu „No Sleep Until Ostkreuz“ vor fast genau einem Jahr. In diesem Jahr ist viel passiert. Sowohl für mich als Redakteur bei CDStarts.de, wie auch für die drei Münsteraner von Ghost Of Tom Joad. Völlig grün hinter den Ohren, hatte ich das Bedürfnis eine junge aufstrebende Band, mit meiner deutlichen Worte findenden Kritik, per Email zu kontaktieren. Schnell lernte ich meine erste Lektion: Niemals eine Band mit der eigenen, durchwachsenden Kritik konfrontieren. Erst recht nicht wenn diese Band Selbstvertrauen und die Gewissheit hat, mit viel Talent und etwas Geduld, richtig ordentliche Musiker zu werden. Lektion gelernt.

Weil ich mir die nette Zurückweisung von Ghost Drummer Christoph nicht so einfach gefallen lies, organisierte ich, natürlich auch um dem Chef zu zeigen dass ich als „Neuer“ motiviert bei der Sache bin, kurz darauf ein Email Interview mit meiner Hass-Liebe Henrik, Christoph und Jens. Waffenstillstand. So gingen wir beide unseren Weg. Ich schrieb Rezensionen und sammelte Erfahrung, ohne dabei noch ein Mal den Fehler mit der Konfrontation zu machen, während Ghost Of Tom Joad sehr viel tourte, ebenfalls Erfahrung sammelte und von Konzert zu Konzert besser wurde. Im November letzten Jahres spielten Ghost Of Tom Joad in Saarbrücken und man schlug mir vor, sich einen weiteren Schritt zu nähern. Mit etwas mulmigem Gefühl im Magen machte ich mich Meinerseits, immerhin von Mannheim nach Saarbrücken, auf um zu sehen ob man mir die Kritik zu „No Sleep Until Ostkreuz“ noch übel nahm.

Nach einer sehr lustigen und unterhaltsamen Stunde im Backstagebereich und einem gelungenen Interview, verfolgte ich ohne weitere Blessuren das Konzert. Scheinen doch ganz nett zu sein, diese Münsteraner. Abseits des Interviews redeten wir über „Matterhorn“, dem Nachfolger des mich entjungfernden Streitobjekts. Schnell bemerkte man die Vorfreude der Jungs auf diese Scheibe. Man sah die Zufriedenheit in ihren Augen und berichtete über deutlich besser funktionierende Aufnahmen im Studio. Es überrascht zunächst nicht, dass „Through Every Organ“ auf den ersten Blick nicht sonderlich viel Neues mit sich bringt. Altbewährte Klänge aus Gitarre, Bass und eingehendem Schlagzeug. Beim zweiten Hinhören erkennt man jedoch schnell, dass dieser Schein trügt und erkennt die neue Nähe zum Detail. „Can you hear them coming / the saints are marching in“ erklingt es aus Henriks Kehle. Es liegt nicht nur am Albumcover, welches eine Mischung aus kampfansagendem Panther, akribisch arbeitendem Boxer und dem Mythos „Matterhorn“ ist. Nein. Bereits nach „Through Every Organ“ ist man davon überzeugt; Ghost Of Tom Joad waren sich durchaus bewusst worüber sie sprachen.

Während man noch in Gedankenspielen versunken über den großartigen Opener grübelt, wurde man längst von der Bass Ouvertüre „The Body Of Lord Francis Douglas“ überholt. Erst der zweite Song und spätestens nach Fünf Minuten und 40 Sekunden hängt man bereits, im Schlepptau der Münsteraner, in eisiger Kälte am Matterhorn. Überwältigt von Angst, Ungewissheit und Müdigkeit („Don’t know what I’m still doing here / I’m so tired / No Sleep / For too many nights“) mag man gar nicht vermuten, wo diese Reise noch hinführen wird. Aber sie sind vorbereitet. In jedem Detail, jedem Riff, jedem Schlagzeug Part und jedem Break, steckt hörbar detaillierte Arbeit. Der Schein trügt, das „Matterhorn“ ist sehr wohl „The Place Where You Belong“.

Die Stimmung eines Albums kann mit der Zeit nerven, nicht aber bei „Matterhorn“. Auch „The Waves Call Your Name“ macht ohne Pause klar, Ghost Of Tom Joad sind Reisende die alles mit bringen, um auf die Spitze zu kommen („My heart is a traveller“, „You disappear / slowly out of sight / no doubt about it / you’re not going under“). Besonders die erste Single „Into The Wild“ strotzt nur so vor künstlerischer Energie, welche sich nach grandiosem Break, in einem Ausbruch von ungehörter deutschsprachiger Dynamik entlädt („Ich bin so müde / diese Füße wollen nicht / zwischen all’ den Idioten / reden, reden kann ich nicht“). „This Bed is a Fortress“ beweist zudem die Experimentierfreudigkeit und bringt Elektronik ins Spiel. Ein Hauch von New Wave weht um den Berg.

Dennoch kommt so ein Aufstieg auf das „Matterhorn“ nicht ohne Probleme aus. „Back To School“ und „Hibernation is Over“ fallen der hohen Qualität zum Opfer. Dabei wirkt „Back To School“ unausgereift und geradezu so, als hätte man einen Rückfall zu „No Sleep Until Ostkreuz“ gemacht. Wahrlich kein schlechter Song, aber wie die meisten Songs auf dem „Ostkreuz“ etwas unausgereift und streckenweise mager im Detail. „Hibernation Is Over“ dagegen ist nicht Fisch nicht Fleisch und passt, auf seine eigene Art und Weise (dennoch ein guter Song) nicht ins restliche Konzept des Albums.

Der Abschluss gebührt „Kap Farvel“ und feiert das erfolgreiche Erreichen des Gipfels. Gepaart mit einem Sonnenuntergang und dem langsamen Einbruch der Dunkelheit. Ein würdiges Ende aus Klavier und melancholischer Stimmung. Der letzte Beweis dafür, dass man sich in allen Bereichen weiterentwickelt hat, nicht nur in Sachen Gitarren zupfen und Schlagzeug schmettern.

Im Gedächtnis bleibt „Matterhorn“ für seine Stärke im Detail, einer Stimmung wie (nahezu) aus einem Guss und für seine durchweg hohe Qualität. Ghost Of Tom Joad entwickeln sich mit einem gewaltigen Schritt in die richtige Richtung, den sicherlich in dieser Form nicht jeder für möglich gehalten hätte. Auch ich war zu Beginn durchaus kritisch gestimmt, aber das sollte für Ghost Of Tom Joad ja nichts Neues gewesen sein.

Anspieltipps:

  • Through Every Organ
  • The Body of Lord Francis Douglas
  • Into The Wild
  • The Waves Call Your Name

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