Soap & Skin - Lovetune For Vacuum - Cover
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Soap & Skin Lovetune For Vacuum


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 42 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Wahrscheinlichkeit, dass Anja Plaschg für „Lovetune For Vacuum“ einen Preis für das locker-leichteste und frühlingshafteste Album des Jahres bekommen wird wandelt ungefähr so nah am Grat der Wahrheit, wie die Vorstellung, dass den Schweinen ihres elterlichen Zuchtbetriebes kurz vorm finalen Bolzenschuss Flügel wachsen und diese sich selig der Steiermark entschwebend, ihrer Bestimmung als Hackfleisch entziehen können.

Denn das was die erst 18jährige Österreicherin auf ihrem Debüt abliefert wirkt verstörend düster, verzweifelt und melancholischer als ein viermonatiger, die schwermütigsten Werke Lenaus, Nietzsches und Byrons abhandelnder Lesezirkel-Marathon. In ihrer Heimat gilt das junge Madl spätestens seit ihren ersten musikalischen Hörproben unter dem Namen „Soap & Skin“ als wahres Wunderkind, da ihre Kompositionen wie auch ihre Stimme trotz ihres noch jugendlichen Alters einer reifen, schmerzerprobten Seele doch sehr nahe kommen. Dreizehn unter die Haut kriechende Pianonummern, auf denen sie Liebesoden an den luftleereren Raum besingt, von Thanatos, dem Gott des Todes sowie herbstlichen Landschaften erzählt.

Die meisten wurden von ihr zuhause komponiert, arrangiert und aufgenommen: vorwiegend sehr reduziert, immer sehr intensiv. Sie gewährt Einblicke in menschliche Seelenabgründe. Schüchtern, beinahe hauchend ertönt Plaschgs Stimme nach den ersten, von tiefen Tastenklängen getragenen Sekunden auf „Sleep“. Die sperrige Melodie des Openers verkörpert bereits nach wenigen Takten den elegischen Grundtenor dieses Albums: Kunst als Ventil für Sehnsucht, Zorn und tiefschwarze Romantik. Auf „Spiracle“ flüstert sie scheinbar hilflos verloren „Please help me“, um wenige Noten später schon die andere Seite von „Soap & Skin“ zu offenbaren:

Denn da ist auch Kraft in ihrer Stimme, da schreit sie kämpferisch ins Mikro um kurz darauf wieder zurücknehmend sanft ihren Gefühlsausbruch zu entschuldigen versucht. Wäre das Mädchen nicht erst achtzehn, man würde sich wahrscheinlich nicht soviel Sorgen über ihr anscheinend gequältes Innenleben machen. Neben lauten und auch verstörenden elektronischen Sound-Ausbrüchen („Marche Funébre“, „DDMMYYYY“) eröffnen sich dann aber auf dem rührend intimen „Mr Gaunt Pt 1000“ oder dem unschuldig anmutenden und leisen Schlussakt „Brother Sleep“ auch zaghaft-akustische und verschnaufende Notausgänge.

„Lovetune For Vacuum“ befremdet und berauscht zugleich. Ob gehaucht, geklagt, geschrien, hell gesungen oder elektronisch bemäntelt. Das Debüt von „Soap & Skin“ wirkt so viel größer als es das Bild vom schüchternen und kleinen Mädchen am Klavier vermuten lässt. Ganz am Ende Vogelgezwitscher. Dann abrupt ein Schuss ähnelnder Knall. Die Platte ist aus und das gerade vernommene hallt in einem nach, das muss man erst einmal verarbeiten.

Anspieltipps:

  • Cry Wolf
  • Extinguish Me
  • Spiracle
  • Mr Gaunt Pt 1000
  • Brother Of Sleep

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