Peter Doherty - Grace/Wastelands - Cover
Große Ansicht

Peter Doherty Grace/Wastelands


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 40 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
7.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Frühling wird’s. Versöhnlich kommt Peter Doherty daher und hat seinen Frieden gemacht mit den Zerwürfnissen, Brüchen und Melodramen der letzten Zeit. Gleichsam gereinigt, in scheinbar allen Aspekten des Wortes, erzählt er, offenherzig wie immer, Geschichten voll banal schöner Bedeutsamkeit mit einer zu frühen, sanftmütigen Altersweisheit, die man erlangt, hat man echte Abgründe überstanden.

Peter Doherty, nicht mehr Pete, veröffentlicht unter seinen bürgerlichen Namen sein erstes Soloalbum; die Kunde spricht für sich und bedarf keiner näheren Erläuterung. Und „Grace/Wastelands“ ist tatsächlich das ihm kaum noch zugetraute, wunderbare Stück innerer Offenlegung, dass ihn zurückverortet, in die ihm lange Zeit nur noch nachgesagte Position: ein begabter Musiker zu sein. Jetzt, mit dreißig, scheint sich eine Tendenz anzubahnen, die man als den Beginn eines verfrühten Spätwerkes interpretieren könnte. In gewisser Weise ist „Grace/Wastelands“ Peter Dohertys flirt mit dem Chanson.

Die Stimme und die akustische Gitarre stehen im Mittelpunkt und wäre nicht Dohertys formidables Gespür für Songwriting und Arrangement und daraus folgend ein beeindruckender Nuancenreichtum auf „Grace/Wastelands“, hätte man dahinplätschernde, unaufgeregt sanfte Hintergrundmusik zum Vergessen erworben. So aber bewegt Doherty vom ersten Song an, mit naturbelassenen Gitarrenakkorden und schneebesenbespieltem, zart vorantreibendem Schlagwerk. Idealistisch will er uns nach Arcadien mitnehmen; Bescheidenheit wird seine Tugend nicht mehr. „Last Of The English Roses“ ruft Erinnerungen an Kindheitstagen und andere unbeschwerte Zeiten wach; war 1994 wirklich so perfekt, Peter? Jugendverklärung, man meint du weißt es, dient der Selbstreinigung, dem Glücklichwerden im Alter.

„Behind enemy lines“ schickt er uns in „1939 Returning“ und suggeriert fürwahr Vergangenheit mit Stimme, Gitarre, Streicher und Drum. Sogar vaudevillesk wird es im Bar-Jazzigen „Sweet By And By“, eine wunderbar gelungene, augenzwinkernde Hommage an die guten Zeiten mit Carl Barât und was man gemeinsam losgetreten hat. Recht weinerlich gebiert sich das Ende: Dot Allison begleitet Heroinentzug und Beziehungsunglück auf „Sheepskin Tearaway“, aber immer erhaben und mit hocherhobenen, tränenverquollenen Kopf. Und natürlich: „Come on and fall into my arms“ auf „Lady Don’t Fall Backwards“; wir alle wissen wer gemeint ist.

Neben der reizenden Schottin, ist es vor allem Graham Coxon, der „Grace/Wastelands“ an allen Ecken und Enden instrumental verfeinert und bereichert. Er hat ja nach Aussage Dohertys fast mehr Zeit im Studio für dieses Album verbracht, als der eigentliche Protagonist, insofern gehört ihm ein nicht unbeträchtlicher Teil des Lorbeerkuchens – möge er die gleiche Kreativität in die hoffentlich baldigen Aufnahmen des nächsten Blur-Werkes stecken. Peter Doherty macht schöne, kluge und zartmütige Musik. Die mit Abstand positivste Entwicklung, die man diesen Mann bisher nehmen sah.

Anspieltipps:

  • Sweet By And By
  • Last Of The English Roses
  • Sheepskin Tearaway
  • Arcady
  • A Little Death Around The Eyes

Neue Kritiken im Genre „Indie-Rock“
6.5/10

Niente
  • 2017    
Diskutiere über „Peter Doherty“
comments powered by Disqus