Röyksopp - Junior - Cover
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Röyksopp Junior


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 51 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Röyksopp überzeugen zwar nicht auf voller Länge und müssen Rechnung dafür tragen, dass der Putz leicht von ihrem Fundament abzubröckeln beginnt.

Bislang haben Torbjörn Brundtland und Svein Berge alles richtig gemacht. Ihr grandioses Debüt „Melody A.M.“ (10/2001) stieß überall auf offene Ohren, setzte mühelos über eine halbe Million Einheiten ab und errichtete so ein grundsolides Fundament, auf dem sich die zwei Schweden vier Jahre lang Zeit für ihren nächsten Streich „The understanding“ (06/2005) nehmen konnten ohne in Gefahr zu geraten von der Bildfläche des Musikbusiness zu verschwinden oder ihren Vertrag mit Major EMI zu verlieren. Im Vergleich zu den melancholischen, mit Trip Hop und Downbeat verzierten Klanglandschaften des Erstlings, erlaubten sie sich mit Album Nummer 2 außerdem eine kleine Kurskorrektur und spannten mit einem wesentlich höheren Textanteil und damit offenkundiger songorientierterer Herangehensweise den Bogen zum Pop, was erstaunlich gut funktionierte und einer möglicherweise künstlerischen Stagnation ein willkommenes Schnippchen schlug.

Der nächste Streich Röyksopps lies jedoch wieder äußerst lange auf sich warten, allerdings kündigten Brundtland und Berge als Nachfolger überraschend ein geteiltes Doppelalbum an, welches mit „Junior“ nun den Auftakt macht und mit „Senior“ Ende 2009 seine Fortsetzung finden soll, das nach ihren eigenen Angaben nach „ruhiger und introvertierter“ ist. In der Tat ist der fröhliche Kopfnicker „Happy up here“, der bereits als Vorbote für die neue Seite des Duos fungieren durfte, ein gelungenes Experiment mit knarzenden Samples, angezogenem Tempo, Handclaps und aufgeregten Vocals, wird Anhänger der ersten Stunde aufgrund des allzu überfrachteten Spurwechsels jedoch sicherlich spalten. „The girl and the robot“ kann anschließend einigen Ballast abwerfen und klingt mit Robyn als eine von mehreren weiblichen Gastsängerinnen auf „Junior“ wie ein Kylie Minogue-Song aus einer besseren Zukunft, in dem das Tempo weiterhin aufrecht gehalten wird, was ja an und für sich nichts Schlechtes sein muss. Dass unbedingte Tanzbarkeit und Pop-Affinität für Röyksopp 2009 eine wichtige Rolle spielt, sollte allerdings zu denken geben, ob die schwedischen Eigenbrötler mit „Junior“ nicht ein wenig zu offensichtlich auf die Charts schielen.

Über Derartiges zu sinnieren erstickt „Vision one“ im Keim, wenn sich entspannte Ambient-Flächen ausbreiten und eine tänzelnde Melodie umgarnen, nur um kurz darauf von einem harten Knarz-Sample in seine Einzelteile zerlegt zu werden, während die nächste Vokalistin (dieses Mal Anneli Drecker) ihre Stimme erhebt und sinnlich-betörend ihren Beitrag leistet. Eine alte Bekannte darf danach ihre Stimme über „This must be it“ legen. Karin Dreijer Andersson, die bereits die großartige Single „What else is there?“ von „The understanding“ veredeln durfte, vollendet den gewöhnungsbedürftigen Dance vs. 70er Jahre Disco-Sound mit einem Falsett-Refrain a la The Bee Gees, was nicht nur ein wenig nach den Retro-Gebärden der Scissor Sisters klingt, sondern auch sicher die Blaupause für diesen Track gewesen sein dürfte, der abgesehen davon ein Sample aus „Poor Leno“ (auf dem Debüt zu finden) wieder verwendet. Hinter der etwas bedenklichen Betitelung „Röyksopp forever“ (Größenwahn oder ist ihnen einfach nichts Besseres eingefallen?) verbirgt sich dann ein gelungener Ansatz für einen Trip Hop-Song, der allerdings nach und nach von aufgeregten Streichern okkupiert wird und neben „This must be it“ damit schon die zweite Nummer ist, welche nicht viel Spielraum zwischen Lieben oder Hassen lässt.

Ähnliches widerfährt beinahe „Miss it so much“, wo die Popader von Brundtland und Berge in verträumte Sphären ausbricht, aber abgesehen von Lykke Lis mädchenhaften Gesang, der ihr Singer/Songwriter-Debüt „Youth novels“ (08/2008) wesentlich eindrucksvoller verzierte, wieder spannender gestaltet wurde, bis „Tricky tricky“ (Gesang: Karin Dreijer Andersson) einen dominanten EBM-Beat spendiert bekommt, der vom schwelgerischen Elektropop in „Youn don´t have a clue“ (am Mikro: Anneli Drecker) abgelöst wird, der Röyksopp wieder in altem Glanz erstrahlen lässt und entfernt an das Debüt erinnert, was sogleich mit breitflächigem Ambient in „Silver cruiser“ seine Fortsetzung findet. Leider übernehmen sich die Schweden mit „True to life“ (wieder mit Anneli Drecker) und blasen den mit Trance-Schlagseite versehenen Song unnötigerweise auf sechs Minuten auf, bevor „It´s what I want“ seine vom Synthesizer getriebene Performance gibt und „Junior“ in Pet Shop Boys-Manier ausklingen lässt. Damit überzeugen Röyksopp zwar nicht auf voller Länge und müssen Rechnung dafür tragen, dass der Putz leicht von ihrem Fundament abzubröckeln beginnt, aber immerhin haben sie mit „Senior“ dieses Jahr noch eine gute Gelegenheit an alte Großtaten anzuschließen. Bis dorthin muss sich ihr drittes Werk eben gefallen lassen mit zwei fantastischen Alben verglichen zu werden, mit denen es nicht auf Augenhöhe ist.

Anspieltipps:

  • Vision One
  • Silver Cruiser
  • Tricky Tricky
  • The Girl And The Robot

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