Voltaire - Das Letzte Bisschen Etikette - Cover
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Voltaire Das Letzte Bisschen Etikette


  • Label: Rough Trade
  • Laufzeit: 43 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Richtig gute Musik aus Deutschland? Tokio Hotel wird auf der ganzen Welt geliebt, das ist wohl wahr, aber handelt es sich dabei um wirklich anspruchsvolle Musik? Es herrscht einhellige Meinung darüber, dass die Kaulitz-Brüder und Anhang neben zurechtgeschusterter Musik in erster Linie eine Entertainment-Gruppe sind. Eigenständige, ernsthafte Musik klingt anders. Aber es ist diese Unterhaltungsmusik, die den großen Reibach macht. Silbermond, Juli, Madsen, Revolverheld: Alles Bands, die durchaus Ansätze und Potenzial vorweisen konnten, doch am Ende ließen sie sich für das große Geld zurechtstutzen. Die No Angels singen uns ihre alten Hits davon.

Selbst eine viel versprechende und experimentelle Band wie Polarkreis 18 hat nur mit eingängiger Musik Erfolg. Zur Verteidigung des Vierers sei allerdings gesagt, dass ihnen dieser einfache Track „Allein Allein“ einfach unter den Nägeln brannte, denn der Rest des Albums ist gewohnt unkonventionell. Es gibt noch eine ganze Reihe guter deutscher Bands, die viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen. Da wären Klez.e aus Berlin, welche ihr drittes, fabelhaftes Album in Folge veröffentlicht haben („Vom Feuer Der Gaben“ VÖ: 30.01.2009) und sich weiterhin größter Unbekanntheit „erfreuen“. Dann wäre da noch ein weiterer Name zu nennen: Voltaire!

2006 noch als Rivale Madsens gehandelt, nahmen sie die PR-Schlacht nicht an und ihr Debüt „Heute Ist Jeder Tag“ ging in der weiten Masse unter. Dass es sich dabei um hohe Klasse handelte, entging viel zu vielen Hörern. Bis auf eine kleine Fangemeinde wusste zu dieser Zeit niemand, dass eine Band es endlich geschafft hatte, an das große Niveau der berühmten Brit-Vorbilder Coldplay und Radiohead heranzukommen. Da waren wunderschöne Hymnen wie „Asche“ und „Flut“, die einem die Tränen in die Augen trieben, ohne sich wie Silbermonds „Symphonie“ im Kitsch zu suhlen. Auf eine ganz eigene Weise, die beim genauen Hinhören deutlich macht, dass hier nicht wirklich eine britische Band am Werk ist, war in jedem der Lieder auszumachen (was nicht an den deutschen Texten lag), allerdings auf einem Niveau, dass man beinahe dazu verführt war, stolz zu rufen: „Das ist deutscher Pop-Rock!“

Die bis an die Grenzen gehende, hohe Stimme setzt Sänger Roland diesmal nicht so exzessiv ein, wie auf dem Debüt, was das Album viel zugänglicher macht. Der stimmungsvolle Opener „Ganz Normal“ macht es dem Hörer allerdings nicht zu einfach. Klasse Texte werden von minimalistischer Klangkulisse umgarnt und bedrohlich schleicht der Ton um die Ohren. Dann kommt die Steigerung und Roland singt inbrünstig, bevor die Explosion stattfindet und ein schweres Instrumentalgewitter aus den Boxen kracht. Das war der Prolog, welcher konsequent in „So Still“ übergeht, das gleich gesellschaftskritisch wird und den fehlenden Mut zur eigenen Meinung anprangert. Das sind Texte zum Anfassen, die wirklich Bedeutung haben. Wer die Texte Voltaires hört, kann sich schnell identifizieren oder zumindest darüber nachgrübeln, anstatt leer mitzusingen.

Natürlich sind die Texte nicht immer ganz so hochklassig wie in „So Still“, allerdings ist dieses Stück auch einer der Höhepunkte. „Die Gute Art“ im Anschluss schafft es nicht ganz so einfach zu verstehen und vielleicht ein wenig zu kryptisch geraten, doch auch hier ist viel Raum zum Interpretieren. Musikalisch vermisst man hier die Abwechslung, wenngleich die Hauptmelodie in den knapp fünf Minuten echte Ohrwurmqualitäten aufweist. Die Heimathymne „Hier“ ist dann wieder textlich und musikalisch eine Popnummer von ganz großem Format. Auch in der Abteilung Liebes- und Beziehungsliedern wird natürlich wieder zugeschlagen. Selten wurde eine kaputte Beziehung zweier Menschen musikalisch so treffend dargestellt und auch wenn bekannte Phrasen vorkommen, ist der Text zielsicher und intelligent. Das zweite Lied dieser Sparte ist „Das Haus, Das Ich Dir Versprach“, das eine Melodie vorzuweisen versteht, auf welche Chris Martin stolz wäre. „Happy Go Lucky“ von Polarkreis 18 war also kein Ausrutscher nach oben.

Bis diese famose Abschlusshymne ertönt, wird man geradezu mit guter Musik bombardiert. „Ich Verliers“, das mehr oder weniger den Titeltrack mimt, überzeugt mit dichter Atmosphäre und viel Aggressivität, die in „Zu Was“, einer Ziellosigkeits-Megalomanie-Hymne, fortgesetzt wird. Perfekter Pop wird mit „Was Ich Will“ auch zum wiederholten Mal geboten. Hier trifft aufeinander, was in den letzten fünfzehn Jahren im Popbusiness richtig gemacht wurde Über all dem Schweben die – leider akustisch nicht immer verständlichen – Texte, die mit einer scheinbaren Leichtigkeit die deutsche Sprache wieder angesagt erscheinen lassen. Allein aus dem Konzept dieser perfekten Songs mit kleinen Restmacken (wobei die Produktion schon viel professioneller als auf dem Debüt ist) fällt „Sollichlassich“. Eine Akustikgitarren-Minimal-Nummer mit überraschend scharfem Ende.

Voltaire sind zurück und wieder wird kaum jemand von ihnen Notiz nehmen: Eine Schande! Voltaire bieten auch im zweiten Anlauf ein Album der Spitzenklasse und allein der Überraschungseffekt des ersten Albums ist nicht mehr vorhanden. Im Vergleich mit oben genannten Liedern des Erstlings ist es aber auch schwer, wieder dieses Niveau zu erhalten. Voltaire schaffen es beinahe und dürfen dafür zu Recht gefeiert werden. Dass nicht allzu viele Hörer und Fans diese Band feiern, mag erzürnen, doch wie heißt es passend in „Das Haus, Das Ich Dir Versprach“: „Aber was wirst du jetzt so sauer? / Es ist doch so, wie es ist / In dieser Welt in der nur der Tod bestimmt / Der der oder die Letzte ist“. Wir leben in einer Welt der Vergänglichkeit und anstatt sich zu grämen, dass nicht jedermann diese Musik kennt, sollte man selbst das Beste draus machen und im besten Fall die anderen mit Voltaire anstecken.

Anspieltipps:

  • So Still
  • Ich Verliers
  • Das Haus, Das Ich Dir Versprach

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