Blind Ego - Numb - Cover
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Blind Ego Numb


  • Label: Red Farm Records
  • Laufzeit: 68 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Voller Mühe, aber viel zu ziellos begab sich der große Steven Wilson vor kurzem aufs reine Soloparkett und scheiterte für seine Ansprüche. Das passiert allerdings auch schon mal, wenn diese verrückten Prog-Rocker sich ja selbst gerne in Arbeit ersticken. Auch der Freisinger Kalle Wallner ist mit seiner Band RPLW eigentlich voll ausgelastet, aber Ehrgeiz ist nun mal keine Seltenheit unter Künstlern, gerade unter progressiven, und schüttelt Wallner mal eben knappe 70 Minuten aus dem Ärmel. Da wurde sich nicht lange mit Titeln aufgehalten, wie diese in all ihrer Kürze beweisen und sofort losgelegt.

Die kurzen Titel sollen aber vorher auch eine Erklärung und ihre Berechtigung erfahren, denn als Gefühle einer Momentaufnahme sind sie gedacht. Also „Verlassen“, „Schuld“, „taub“, einfache Emotionen, die doch schwer zu fassen sind. Schwere Kost, die Herr Wallner hier aufbereiten will. Zur Seite stehen dem Gitarristen diesmal Paul Wrightson (Gesang), John Lowitt (Bass), Sebastian Harnack (Bass), Michael Schwager (Schlagzeug) und außerdem noch als Gaststars Yogi Lang (Hintergrundgesang, Produzent) und Iggor Cavalera (Schlagzeug). Ein großes Team, das einen großen Klang zu erzeugen vermag und es sei wie so oft vorneweg gesagt: Kalle Wallner verfährt sich nicht in seinen Ideen und schafft es mit weitaus mehr rockigem Sound als sonst, seine Musik zugänglicher zu machen und phasenweise an Wilsons Paradekombo „Porcupine Tree“ zu erinnern.

Die Ähnlichkeiten zu eben genannter Band sind gleich im Opener „Lost“ hörbar und unbestreitbar. Danach entwickelt sich ein reiner Rocker, der in den Sphären von RPLW seinesgleichen sucht und sich superb mit den elektronisch unterlegten Teilen paart. Und wenn der Song dann die letzte Minute zum Großangriff bläst, dann hört man zwar die etwas veraltete Ader des Prog (also des älteren Prog) heraus, jedoch ist das ganze so formidabel aufgebaut, das der Genuss im Vordergrund bleibt und alles Andere erst einmal zurückdrängt. Konsequent setzt „Guilt“ diesen eingeschlagenen Pfad fort und rockt noch direkter. Umso kantiger und doch kunstvoller sind dafür nun die Übergänge. Und auch wenn diesmal das große Finale fehlt, ist der Track beinah noch besser, denn zwischendrin wurde schon so viel geboten, dass dieser beinah schon (im Verhältnis) monotone Ausklang genau das richtige Mittel ist.

Dann wird mal schnell ein wenig Südwind hereingebracht mit dem temperamentvollen Titellied. Dieses hat es allerdings schon schwer gegen den genialen Beginn des Albums. Der frische Rhythmus sorgt allerdings für Wiederverwendungswert und das ist schon mal wichtig. Nur akribische, verkopfte Kunst, die sich in sich selbst verliert, stopft schließlich kein hungriges Maul (oder Ohr). Dann kommt (leider) die erste Ballade, die sich viel zu konventionell gibt und klar den Anschluss zu den vorigen Songs verliert. Hier sticht der etwas überholte Klang Wallners auch wieder hervor und diesmal gibt es kein Zurückhalten. „Death“ ist dann um Wiedergutmachung redlich bemüht, doch knappe zehn Minuten sind einfach zu lang. Also nicht immer, jedoch für Blind Ego. Hier wird nicht genug Power und Linie erzeugt, sodass der berühmte rote Faden erst fad in der Farbe und dann noch in Konsistenz wird. Die Richtung verliert er nicht wirklich, aber er hatte auch nie wirklich eine.

Mit „Change“ ist das Album aber wieder auf der Gewinnerstraße und macht nicht den Eindruck jemals anderswo gewesen zu sein. Famose Riffs und klare Struktur, die immer wieder durch gekonnte Unebenheiten für Abwechslung sorgt. Auch „Seek“ reiht sich in die heftigen und doch melodiösen Rocker ein, bevor „Risk“ wieder die nächste Ballade darstellt. Besser als „Leave“ allemal und doch sind die Balladen ungewöhnlich eintönig im Gegensatz zu dem saftigen Rocksalat. „Torn“ ist als bloßes Instrumentalstück nicht ganz so stark wie die Rocker zuvor, weil der Gesang als Kontrast wunderbar funktioniert und ohne ihn ein wichtiges Element fehlt, was im anschließenden „Vow“ positiv für dieses auffällt. Den Abschluss macht dann das leicht abgeänderte, etwas härter angelegte „Change Reprise“, welches sich genug vom Original absetzt, um als eigenständiger Song durchzugehen.

Am Ende steht und fällt das Gesamtwerk mit deplatzierten Balladen und gegenüberstehenden Rockgroßtaten. Eine Menge Potenzial ist da, wird ausgeschöpft und manchmal leider erschöpft („Death“) und so entsteht am Ende ein tolles Album, das seine Schwächen allerdings nicht gut genug kaschiert und so nicht in den Rang der ganz großen Klassiker gerufen werden kann. Eine Kaufempfehlung für Prog-Rocker ist das Album allemal. Besonders für Leute, die sich dem Progressiv Rock langsam annähern wollen und es auch mal etwas sachter mögen, sind herzlich eingeladen.

Anspieltipps:

  • Lost
  • Guilt
  • Numb

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