Dredg - The Pariah, The Parrot, The Delusion - Cover
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Dredg The Pariah, The Parrot, The Delusion


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 60 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
8.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Beinahe vier Jahre sind seit dem letzten Studioalbum der ambitionierten Prog-Rocker aus der Bay Area in Kalifornien vergangen. In der Heimat wandte man sich von Interscope Records ab und gründete mehr oder weniger Ohlone Records. Warum man sich so viel Zeit ließ, erklärt ein Blick auf die Nebenprojekte der Herren Gavin Hayes (Gesang, Gitarre), Mark Engles (Leadgitarre), Dino Campanella (Schlagzeug, Klavier) und Drew Roulette (Bass), die sich alle diversen Filmprojekten und anderen Bands widmeten. Nicht zu vergessen der Kunst im Falle von den Malern Hayes und Roulette. Als nun das neue Album eingespielt wurde, musste natürlich wieder ein Konzept her, an welches sich lose gehalten werden konnte, welches die musikalischen Grenzen jedoch keinesfalls einschränken sollte. Die Inspiration fanden sie dann in Salman Rushdies Essay „A letter to the 6 billionth person“

Bei diesem Aufsatz (der bei Interesse zum Beispiel im Internet nachzulesen ist) handelt es sich um einen religionskritischen Text, der den Leser dazu anregt, die Welt zu sehen, wie sie ist, anstatt in alten Schriften nach der Wahrheit zu suchen. So geht es auch schon gut los und sucht man im Internet nach Userkommentaren der neuen Dredg-Songs sind die Meinungen durchaus geteilt. Wenngleich dieser Essay nur ein loses Thema des Albums ist, setzen sich einige Tracks doch sehr genau mit diesem Thema auseinander. Gleich der Beginn „Pariah“ stellt die Frage, woher das Leben eigentlich kommt und ob man sich hierfür einen Gott als Antwort erfinden muss. In Anspielung an all das Schlechte, was im Namen dieser Religionen auch passiert heißt es klar: „Delusions: never ment to justify the things you do“. Das ist harter Tobak, der musikalisch allerdings einwandfrei ist. Die Wut, das Unwissen und die Schönheit der Wahnvorstellungen werden wunderbar aufgezeigt. Catchy Popsounds im Refrain und zu Beginn wie Ende treffen auch kernige Riffs und eine krachende Bridge. Das ist die Klasse, die man von Dredg erwarten darf.

So laut wie im Opener wird es auf dem neuen Album jedoch nur noch selten. Außerdem anzufügen ist, dass von den 18 Titeln des Silberlings lediglich zehn Stücke „reine“ Songs sind. Der Rest sind Instrumentalstücke und Interluden. So zum Beispiel das knackige „Drunk Slide“, welches eine düstere Stimmung erschafft, die die Ungewissheit noch weiter steigert. Eindrucksvoll und schön. Das übertrifft auch die schon gelungenen Interluden von „El Cielo“. „Ireland“ ist eine Rockhymne der besten Sorte, die sich mit Zufriedenheit mit dem Bekannten auseinandersetzt und auch „Light Switch“ arbeitet mit Reduktion. Hier sind keine überschäumenden Ideen, die kaum in einen Track passen, sondern das Nötige wurde verpackt, um einzigartige Songperlen zu schreiben. Dazu passt der nächste Titel „Gathering Pebbles“. Spätestens hier wird auch ersichtlich, dass es nicht so bombastisch zugeht oder auf Epik abgezielt wird, wie es auf den Vorgängern der Fall war. Hier zählt der Effekt, die Wirkung des Textes und die betörende, bezaubernde Ader der Refrains, jedes einzelnen Liedes, die den Hörer unwiederbringlich einfangen. Das Paradoxon, andauernd eine bedrückende Atmosphäre um sich zu haben, die jedoch so von Schönheit geschmückt ist, ist ein fantastisches Gefühl.

Sich keine Grenzen zu setzen, war das Ziel der Band und das heißt auch, dass man sich trauen muss, als Prog-Rocker etwas „Gewöhnliches“ zu schreiben. So ist „Information“ eine ganz normale Rockballade voller Kraft, die in ihrer Form jedoch Vollendung gefunden hat. Der Ideenreichtum der „Gathering Pebbles“ wird hier gegen Formvollendung eingetauscht. Ähnlich verhält es sich mit den beiden Tracks „Saviour“, welches mit den härtesten Riffs des Albums, aber auch dem mit stringentesten Verlauf aufwartet, und „I Don’t Know“, dass sich an alter Epik im Refrain ergötzt und ansonsten wie die meisten Lieder durch Campanellas Schlagzeug sehr treiben wirkt. Dazwischen liegt das ruhige „R U O K ?“, welches allein stehend wohl keinen Eindruck schinden würde und mehr an eine Jamsession erinnert, so aber wie bei Filmmusik eine Stütze für die Gesamtstimmung bildet.

Wie grenzenlos Dredg diesmal arbeiten zeigt sich nicht unbedingt an der Ruhe des Albums, jedoch an den Musikstilen, so vermischen sich Achtziger, Orient, Blues und natürlich Rock in „Mourning This Morning“ und „Cartoon Showroom“ zerberstet beinahe an der eigenen Fragilität. Abschließend weiß „Quotes“ wieder eine geheimnisvolle Stimmung hinauf zu beschwören, die gar nicht so anziehend wirkt, wäre da nicht der herrliche Refrain. So wachsen diese Lieder bei jedem Hören und man findet immer neue Elemente. Dann wären da natürlich noch die Instrumentalstücke „Long Days And Vague Clues“, das der musikalischen Apokalypse gleichkommt und wirklich ganz großes Kino ist. Wer hier den Mund nicht weit aufsperrt, dem fehlt es an Vorstellungskraft. Das zweite Stück ist „Down To The Cellar“, das eine Traurigkeit und Resignation ausstrahlt, die trotzdem hypnotisierend wirkt.

Zum Abschluss sind da die Interluden, die „Stamps Of Origin“, die mehr durch den Text interessant sind, als durch ihren Stil von glasklarer Stimme und verwobenen Wurlitzerpianoklängen, auch wenn der Abschluss „Horizon“ zum Heulen schön ist. Man könnte noch so viel zu den einzelnen Stücken schreiben, doch das würde den Rahmen sprengen. Ohne wenn und aber haben die vier Männer aus Kalifornien wieder ein Meisterwerk geschaffen, welches wächst und wächst und wächst. Ihr Majordebüt „El Cielo“, inspiriert von Dalí, war episch, der Nachfolger „Catch Without Arms“, ähnlich Coldplays „X&Y“ geschmückt von Kontrasten, bombastisch und auch für das neue Album „The Pariah, The Parrot, The Delusion“, das in Anspielung auf Rushdie „a letter to the 7 billionth person“ ist, gibt es eine einfach Bezeichnung: fantastisch.

Anspieltipps:

  • Pariah
  • Gathering Pebbles
  • Quotes
  • Information
  • Long Days And Vague Clues

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