Winterborn - Farewell To Saints - Cover
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Winterborn Farewell To Saints


  • Label: Massacre Records
  • Laufzeit: 56 Minuten
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4.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Auf ihrem Erstling „Cold reality“ (11/2006) haben Winterborn so gut es geht alles richtig gemacht. Die sechs Finnen knallten eine gelungene Mischung aus progressivem Hardrock mit saftigen (wenn auch stellenweise etwas lästigen) Keyboardsolos, sowie energiegeladenen Metal-Anleihen hin, die mal gut und gerne in ruhige und besonnene Gefilde ausbrachen und eigentlich jedem, der mit Power Metal skandinavischer Prägung etwas anfangen konnte, als nette Abwechslung zu den üblichen Verdächtigen gefiel. Nun legen Teemu Koskela (Gesang), Pasi Vapola (Gitarre), Antti Hokkala (Gitarre), Pasi Kauppinen (Bass), Jukka Hänninen (Keyboard) und Lauri Bexar (Schlagzeug) die zweite Scheibe vor, die quasi dort weitermacht wo der Vorgänger aufgehört hat, aber vom ungezwungenen Eindruck der ersten Platte ist trotzdem kaum etwas über. Was ist passiert?

Milde ausgedrückt haben sich Winterborn mit „Farewell to saints“ ein wenig übernommen und den Bogen schlichtweg überspannt. Schon „Black rain“ donnert anfänglich rücksichtslos über den Hörer hinweg, sodass erst einmal Luft geholt werden muss. Dauert zwar eine ganze Weile bis die Herrschaften ihre flinken Finger von den Gitarren und den fiepsigen Tasten des Keyboards nehmen, aber immerhin kann der Nummer fehlende Energie oder Spielfreude nicht abgeschlagen werden. Leider gibt es das noch einmal in den darauffolgenden Stücken „Chaos dwells within“ und „Seven deadly sins“ zu bewundern, wo die forsche Bedienung der Instrumente jedoch bald in Unmut umschlägt, da Winterborn anscheinend vergessen haben, dass es nie gut ist fehlende Ideen mit einer wuchtigen Produktion zu kaschieren, weil so in beiden Fällen die Songs an der dominanten Abmischung der Bassdrum leiden und der künstlerische Gegenwert gegen 0 tendiert.

Wenigstens ziehen die Finnen mit „Overture 1939“ die Reißleine und drosseln das unbarmherzige Tempo auf eine melancholische Ballade mit akustischer Gitarrenbegleitung hinunter, während in „The winter war“ erneut die Eier in der Hose zu wachsen beginnen und eine ziel- wie sinnlose Frickelschau aus den Boxen knallt. Überhaupt ist der Track paradigmatisch für den gesamten Verlauf der Platte, weil vor allem die Dream Theater-Gedächtnis-Soloparts im hinteren Drittel mit auf- und abschwellender Dynamik ohne jeglichen Bezug zum Songkontext gnadenlos verheizt werden und an Selbstverliebtheit kaum zu übertreffen sind. Sollte hier der Effekt erzielt werden mit offenem Mund vor den Lautsprechern zu sitzen? Gratulation, dem Gefühl der ungewollten Sprachlosigkeit war man beim Anhören eines Albums wohl nie näher!

Bevor „Farewell to saints“ aber in der Luft zerrissen wird, rudert der Sechser zu songdienlichen Strukturen zurück und legt mit dem fabelhaften „Land of the free“ und dem gewöhnungsbedürftigen, aber mit jedem Durchgang an Strahlkraft gewinnenden Halbinstrumental „Emptiness inside“ zwei ordentliche Kompositionen hin. Anschließend heißt es sowieso wieder „Knüppel aus dem Sack“ und das ganz nette „Nightfall symphony“ wird von der absoluten Lachnummer „Last man standing“ abgelöst, die nicht einmal vor verzerrter Stimme, fetzigem Gitarrengewichse und ultrabösem Gesang zurückschreckt. Entschuldigung, aber für derartige Mucke ist Winterborn eindeutig die falsche Adresse, allein schon weil das 10 Minuten Epos „Another world“ zeigt, was für eine schöne Gesangsstimme Teemu hat, die für Geschrei einfach nicht geschaffen ist. Unterm Strich ist „Farewell to saints“ eine (im wahrsten Sinne des Wortes) brettharte Enttäuschung geworden, die den Sound der Finnen zwar auf eine andere Ebene führt, die in dieser Form aber niemand vom Hocker reißen wird, da ihnen von der Melodie getragene Metalsongs einfach besser zu Gesicht stehen als spätpubertäres Angebertum.

Anspieltipps:

  • Black Rain
  • Emptiness Inside
  • Land Of The Free

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