The Dø - A Mouthful - Cover
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The Dø A Mouthful


  • Label: Ministry Of Sound/EDEL
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Kann es sein? Ist „A mouthful” eine würdige Nummer 1 oder sind die Franzosen nur vom Nationalstolz geblendet, den Jazz- und Filmkomponist Dan Levy zusammen mit Sängerin Olivia Merilahti im Land der Froschschenkel-Gourmets bereits Anfang des letzten Jahres entfacht hat? Nach Begutachtung des Pressetextes dürfte es wohl eher andere Gründe haben wieso sich The Dø aufs Siegertreppchen der Charts Francais stellen durften, denn als einer von wenigen französischen Acts trällert Olivia nicht in der Landessprache, sondern auf Englisch und in einem Song in ihrer Muttersprache Finnisch. Darüber hinaus hat die werte Dame eine Stimme, die nicht viel Raum zwischen Lieben oder Hassen lässt und nach ein paar Hörproben für andächtiges Kopfkratzen sorgt, ist schließlich auch die musikalische Seite von „A mouthful“ mit Ausnahme der großartigen Frühlingsbrise „On my shoulders“ keinesfalls vorprogrammiertes Chartsmaterial.

Die Verwunderung über den Erfolg im frankophonen Raum (Belgien, Schweiz, Frankreich) ist spätestens verflogen, wenn einem erst einmal die abstrakten Klanggebilde und wirren Songgeflechte gefangen haben und der abgedrehte Wahnsinn, den The Dø zelebrieren, seine volle Wirkung entfaltet hat. Angefangen vom elektrifizierten Blechtrommel-Indiefolk des Eröffnungstracks „Playground hustle“ über die fröhlich-lockere Beschwingtheit eines „At last“, bis hin zu einer zerbrechlichen Ballade („Song for lovers“) legen die beiden Wahlfranzosen (Levy hat tunesische Wurzeln, Olivia finnische) schon in der ersten Viertelstunde eine scheinbar unzusammenhängende Songsammlung vor, die dem noch lange nicht erreichten Ende der stilistischen Fahnenstange debil grinsend zuwinkt. Wenn man so will, sind diese Stücke ohnehin lediglich das Entrée, der süchtig machende Vorgeschmack auf die delikatere Hauptspeise, welche in weiterer Folge nur den mutigsten Gourmets auf lange Sicht munden wird, ist schließlich bereits „The bridge is broken“ eine schmale Gratwanderung aus fingerschnippenden Harmonien und einer völlig windschiefen Performance Olivias.

Unnötig zu erwähnen, dass die Sängerin die größte Angriffsfläche bietet und die Wirkung von „A mouthful“ von ihr getrieben und bestimmt wird. Ist es einem z.B. unmöglich sich mit der Klangfarbe von Fräulein Merilahti anzufreunden, dürfte es schwer werden den The Dø-Kompositionen auch nur annähernd etwas Positives abzugewinnen, da Olivia definitiv als Dreh- und Angelpunkt der Platte ausgelegt ist. Ungeachtet dessen weiß sie aber mit ihrem Organ umzugehen und versteift sich nicht ausschließlich auf schräge Töne, sondern gefällt als wandlungsfähige Interpretin, die als Jack Johnson-Double mit Ukulele („Stay (just a little bit more)“) genauso authentisch rüberkommt wie als finnische Folk-Ethnologin („Unissasi Laulelet“), unheilvoll-düsteres Nachtgeschöpf („Searching gold“) oder Indie-Rock erprobte Frontfrau („Travel light“). Besonders amüsant ist jedoch der Versuch als weiblicher Eminem in „Queen dot Kong“, wo Olivia neben einem satten Beat aus Bläsern, Querflöten und elektronischen Zierrat eine Mischung aus abgebrühter Rapperin und mit Worten und Silben jonglierender Zirkusartistin gibt.

Das Sahnehäubchen an „A mouthful“ ist aber immer noch der lockere Stilmix, der das Album trotz anfänglicher Orientierungslosigkeit zusammenhält und es gemessen an der Vielzahl an Einflüssen geradezu als hippen World Music-Botschafter durchgehen lassen könnte. Dementsprechend gibt es auf dem Erstlingswerk von The Dø enorm viel zu entdecken und Langeweile ist dem Duo ebenso fremd wie brasilianische Samba-Rhythmen, progressives Hakenschlagen oder chinesische Opern-Phrasierung. Jetzt brauchen wir nur mehr zu hoffen, dass diese mutige Kollaboration keine Eintagsfliege war und auch in den übrigen Teilen der Welt auf ähnlichen Erfolgskurs zusteuert, denn eine derartig stimmige und ambitionierte Liedersammlung bekommt man nicht allzu oft präsentiert.

Anspieltipps:

  • At Last
  • Queen Dot Kong
  • Unissasi Laulelet
  • On My Shoulders
  • Stay (Just A Little Bit More)

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