Chimaira - The Infection - Cover
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Chimaira The Infection


  • Label: Nuclear Blast/WEA
  • Laufzeit: 54 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Gab es in den letzten Jahren irgendwo eine Packung Morphium umsonst oder wieso schießen auf zähflüssigen Schleim getrimmte Bands wieder in Massen aus dem Boden? Höllisch groovender Metal als Retter der sinkenden Absatzzahlen? Nicht wirklich! Die ständige Steigerung in Superlativen dürfte im Bleigewerbe wohl eher zu einem Reboot geführt haben, der die teilnehmenden Gruppen dazu veranlasst hat einfach mal vom Gas zu treten und den Lauf der Dinge etwas ruhiger anzugehen. Erster rückfälliger Patient: Chimaira aus Cleveland, Ohio. Der wandlungsfähige Sechser hatte ja schon mit seiner selbstbetitelten Scheibe im August 2005 den Fuß vom Gaspedal genommen und sich nach dem halbgaren Slipknot/Korn/Fear Factory-Ripoff „Pass out of existence“ (10/2001) und der um Welten besseren, weil eigenständig denkenden Nachfolgescheibe „The impossibility of reason“ (05/2003) an gedrosseltem Material versucht, dessen positive Aspekte aufgrund pausenloser Monotonie jedoch erst nach einer langen Eingewöhnungsphase erschlossen werden konnten.

Nach „Chimaira“ trennte man sich von Roadrunner und wechselte zu Nuclear Blast. Drummer Andols Herrick kehrte in die Obhut von Mark Hunter (Gesang), Matt DeVries (Gitarre), Rob Arnold (Gitarre), Jim LaMarca (Bass) und Chris Spicuzza (Keyboard) zurück und mit „Resurrection“ (03/2007) schickten die Amis eine süchtig machende Granate los, die jeden Moment zu bersten drohte. Verteilt auf eine knappe Dreiviertelstunde jagten Hunter & Co. den Hörer durch das Äquivalent zu einem millionenschweren Hollywood-Blockbuster, bei dem an allen Ecken und Enden etwas explodiert, in die Luft geht oder in tausend Teile zerspringt. Die musikalische Parallele machte sich durch schnelle, ungezügelte Riffs, ein an der langen Leine gehaltenes Drumkit und knackiges Shouting bemerkbar, die mit handwerklicher Finesse im Testosteron-Wahn aufgenommen wurde und zeigte wie ein Hochgeschwindigkeitszug mit Stil gegen eine Betonwand krachen kann. Wer nach dieser Vollbedienung keine Knochenbrüche, ausgeschlagenen Zähne oder zumindest blaue Flecken vorzuweisen hatte, dürfte den Lautstärkeregler nicht angemessen nach rechts gedreht haben.

Nichtsdestotrotz gab es auch dort einen Vorgeschmack auf die kommende Rückbesinnung in gemäßigtere Gefilde, denn mit eruptiven Doom-Einlagen („Killing the beast“) oder einem episch angelegten Longtrack („Six“) stoppten sie den technischen Genickbruch ein paar Mal selbst ab um nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Genau bei diesem Ansatz macht „The infection“, die fünfte Langrille der Clevelander, mit einem kleinen Unterschied weiter. Statt lediglich die einzelnen Stücke tempomäßig aufeinander abzustimmen und so eine nuancierte Abwechslung zu erschaffen, ist dieses Mal jede Komposition für sich selbst verantwortlich. Im Klartext bedeutet dass, das einer oder mehrere schroffe Wechsel in Tempo oder Rhythmus eingeflochten wurden und zwar nicht nur auf Albumlänge, sondern in jedem der zehn Songs. Wie dieses Unterfangen letztendlich klingt, präsentiert bereits der Opener „The venom inside“ eindrucksvoll. Ein kurzes, beseeltes Gitarrenintro und schon schlägt die Groove-Walze mitten ins Gesicht. Kurze Breaks, Verzierungen, bitterböse Stimmung und aggressive Vocals zeichnen eine hässliche Thrash-Fratze, die von einem völlig gegenläufigen Chorus vereinnahmt wird, der in weiterer Folge ein paar Mal dem heruntergestimmten Treiben die Axt in den Rücken schlägt.

Ähnlich verhält es sich mit „Frozen in time“, jedoch gibt es nach einer grandios in Szene gesetzten Hetzjagd durch metallisches Terrain ersten Grund zur Beanstandung, haben sich Chimaira mit der letzten finalen Wendung, die einfach zu abrupt vonstatten geht, schließlich keinen großen Gefallen getan und führen den sorgsam aufgebauten Spannungsbogen damit allzu heftig ad absurdum. „Coming alive“ und „Secrets of the dead“ beschränken sich im Anschluss darauf als dröhnende Abrissbirnen alles in Schutt und Asche zu legen, „The disappearing sun“ versucht durch unvorhergesehenes Hakenschlagen in alle möglichen Richtungen seinen Reiz zu beziehen, bleibt letzten Endes aber zu sperrig um einen positiven Eindruck zu hinterlassen und das 6 Minuten lange „Impending doom“ vermischt danach eine dunkle Atmosphäre mit den bekannten Trademarks der Band und zeigt das amerikanische Sechsergespann von seiner besten Seite.

Ab diesem Punkt ist dann alles gesagt und obwohl „On broken glass“ eine seltsame Ähnlichkeit zu Annie Lennox 90er Jahre-Hit „Walking on broken glass“ besitzt, gibt es mit „Destroy and dominate“ und „Try to survive“ außer bereits gehörten Ideen keine neuen Facetten zu entdecken. Ausschließlich der mit einer Viertelstunde ausgewiesene Progmetal-Longtrack „The heart of it all“ (in Wirklichkeit wabern die letzten 5 Minuten immer dieselben Bassspuren auf elektronischer Basis aus den Lautsprechern) kredenzt als Abschluss einen grandiosen Ritt durch verschiedene Tempo-Abschnitte und zeigt ganz ohne Mark Hunter die Vorzüge einer Komposition mit heruntergeschraubter Drehzahl. Diesen Brocken auf Anhieb hierarchisch in die Diskographie der Amis einzuordnen fällt daher extrem schwer.

Zwar machen Chimaira nicht denselben Fehler noch einmal und wirken der Eintönigkeit mit progressiver List entgegen, trotzdem bleiben viele getroffenen Entscheidungen im Songgeflecht selbst nach längerer Auseinandersetzung zu steril und packen den Hörer gemessen am Vorgänger eher wegen der schwerfälligen Spielweise und damit einhergehenden Wucht der Instrumente als durch einen in sich geschlossenen, von der Dynamik getragenen Songzyklus. Alles in allem kann man mit dem Ergebnis aber zufrieden sein, denn langweilig wird es auf „The infection“ eigentlich nie und wer auf der Suche nach ein paar saftigen Tritten in den Allerwertesten ist, der bekommt hier den exquisitesten Import aus Amerika, den man sich vorstellen kann.

Anspieltipps:

  • Impending Doom
  • The Venom Inside
  • The Heart Of It All
  • Secrets Of The Dead

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