Patrick Wolf - The Bachelor - Cover
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Patrick Wolf The Bachelor


  • Label: ADA/Rough Trade
  • Laufzeit: 49 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Patrick Wolf polarisiert auch weiterhin. Nachdem schon sein letztes Album musikalisch (wie auch auf seine Person bezogen) die Massen (sofern Massen ihn gehört haben) spaltete, soll es auch diesmal nicht anders laufen. Noch immer wird die Stimme des jungen Mannes so episch und pathetisch eingesetzt, wie es nur möglich ist und weiterhin jagt die Elektronik durch das Konzept des Doppelalbums, welches jetzt doch geteilt auf den Markt kommt. Wie schon bei System Of A Downs „Mesmerize/Hypnotize“ kann man nur Schande über die Plattenfirmen wünschen. Marktkrise hin oder her. Mehr Verkaufzahlen hin oder her, für wen wird der Hörer gehalten, dass er ein Doppelalbum nicht verkraften möge? Da muss der neue Wolf-Output wirklich abgedreht sein!

Das Cover lässt düstere Ebenen als letztes Mal erahnen und das apokalyptische Intro „Kriegsspiel“ unterstreicht diesen Eindruck mit verstimmten Streichern und Elektronik, die sich zu einem Sturm aufbauen… und verpuffen. Alles nur Ambiente, welches der vorprogrammierten Hitsingle „Hard Times“ weichen muss. Der Refrain ist zwar unverständlich und verschenkt beinahe den Ohrwurmcharakter des Stücks, doch das einfache „Streicherriff“, welches die Strophen dirigiert, macht aus „Hard Times“ eine einprägsame und auch wirklich gute Nummer. Allein der Refrain verhindert, dass es sich hier um einen richtig großen Hit handelt. Hat sich der exzentrische Paddi tatsächlich zum erwachsenen gewandelt?

Auch „Oblivion“ überrascht mit erwachsener Atmosphäre (vielleicht sind es auch nur die Streicher) und der übertriebene Stimmeinsatz des Sängers macht sich voll bezahlt. Leider führt der Track nur nirgendwo hin. Die tolle Grundstruktur baut sich zu keinem mächtigen Klangturm auf, der auf den Hörer nieder bricht oder wenigstens seine Größe darstellt. Lediglich Wellen, die immer wieder aufflackern, dann aber doch nie zu etwas werden. Das hört sich ein wenig nach Muses „Showbiz“ an, doch dieses Lied steigerte sich wirklich bis zur Unerträglichkeit, um dann zu verebben. Dies versucht Wolf zwar, scheitert aber auch im zweiten Versuch mit seinem Titeltrack, der derselben Beschreibung wie „Oblivion“ zukommt, wenngleich „Oblivion“ mehr Single und „The Bachelor“ mehr Atmosphäre ist.

Genug der Experimente und den Sicherheitsgurt angeschnallt, heißt die Devise, wenn Damaris erklingt. Nett instrumentalisiert, aber zu leicht hergeschenkt. Wie das zu verstehen ist? Die Streicher und die Flöten spielen eine wunderschöne Melodie, die die sanfteren unter uns und romantischen zu Tränen rühren kann. Auch der Einsatz von Mass-Backvocals (inklusive Kindern natürlich) ist stimmig. Leider zieht sich das Lied mehr als eine Minute länger als nötig und noch dazu sind die Elektrobeats absolut unpassend. So versemmelt der gute Herr Wolf eine wahrlich epische Melodie. Warum das in „Thickets“ plötzlich funktioniert, welches eine belebte Fortsetzung von Damaris bildet, bleibt ein Rätsel. Allerdings bekommt dieser Track – ähnlich einem „Oblivion“ – den Charakter eines Nachspanns und nicht eines eigenen Stücks.

In diesen epischen Weiten fühlt sich Patrick allerdings mehr als nur wohl, wie sich an der reinen Elektroversion von „Damaris“ „Count Of Casualty“ zeigt. Ausschweifende Chöre, jammernde bis anprangernde Stimme des Sängers und immer wieder dürfen Streicher die Elektrobeats unterstützen. Das funktioniert auch weiterhin nicht perfekt, jedoch wirklich gut und viel besser, als der Elektro-Folk Wolfs es bisher tat. Ganz plötzlich bricht dieser Strang dann ab, um der Balladenabteilung Platz zu machen. „Who Will?“ bedient sich zwar noch vordergründlich der Elektronik, aber die nachfolgenden Lieder (abgesehen von der Dancenummer „Vulture“ auf The-Veronicas-Niveau) besinnen sich alle auf brave instrumentale Songwriter- und Popkonstrukte. „Blackdown“ ergötzt sich zum Beispiel gute drei Minuten an Minimalismus, bis Geklatsche, Uptempo und Folkelemente das Lied zu etwas Neuem aufwerten. Ein gutes Beispiel, weil „The Sun Is Often Out“ ganz genau so funktioniert und nur darauf wartet, dass das letzte Drittel des Liedes beginnt, sodass die Chöre einsetzen dürfen. Es haut einem fast vom Hocker, dass eben diese Struktur bei „Theseus“ nicht zum Zuge kommt, sondern sich einfach gar nicht entwickelt.

Allerdings hat Patrick Wolf diesmal wirklich ganz tolle Melodien herausgesucht und viele werden ihm nicht böse sein, dass er mehr als einmal zu oft, dieselbe Struktur benutzt und der Hörer sich mehr oder weniger an gerade mal vier wirklich verschiedenen Songs ergötzen kann. Besonders wo die schnelleren Nummern wie „Vulture“ und „Battle“ sich verkrampft im Power-Pop versuchen und gnadenlos versagen. Er will manchmal einfach noch zu verkopft durch die musikalische Wand und das bekommt den Strukturen nicht immer gut. Der ein oder andere Singalong geht gnadenlos durch den zerstreuten Gesang verloren und der Einsatz der Elektronik ist nicht immer nachzuvollziehen. Ansonsten ist Patrick Wolf jetzt aber langsam auf dem Weg dorthin, ein wichtiger Name im Pop-Geschäft zu werden und nicht bloß ein Clown, der sich aufspielt und die Bühne für seinen Schabernack nutzt.

Anspieltipps:

  • Hard Times
  • Damaris
  • Blackdown
  • Battle

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