DJ Hell - Teufelswerk - Cover
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DJ Hell Teufelswerk


  • Label: Gigolo/Rough Trade
  • Laufzeit: 114 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Rhythmus. Klangbaustein. Elektronik. München. Frankfurt. Düsseldorf. Was will uns die durch den Vocoder gezogene Stimme hiermit sagen? Dann setzt der treibende Beat ein. Es folgen erneut oben genannte Wörter, dieses Mal allerdings wird noch Melodie und Sinfonie ergänzt. Reimt sich ja auch besser auf „Electronic Germany“. Womit wir auch schon beim Thema wären. Wenn man an elektronische Musik aus deutschen Landen denkt, so dauert es nicht lange bis Namen wie Sven Väth, Westbam oder selbstverständlich auch die Ur-Pionierväter dieses Genres Kraftwerk in den Raum geworfen werden. Aber da ist eben auch noch (DJ) Hell (Helmut Josef Geier mit bürgerlichem Namen), der für Deutschland nun auch schon seit einer gefühlten halben Ewigkeit in die elektronischen Tasten haut, an Reglern und Knöpfen dreht und die Plattenteller heiß laufen lässt. Obendrein ist er bekanntlich Gründer und Inhaber von „International Deejay Gigolos“ und gilt heute als einer der bekanntesten und einflussreichsten deutschen Künstlern der elektronischen Musik.

Und eben dieser liefert nach inzwischen auch schon wieder bald 6 Jahren seit „N.Y. Muscle“ mit seinem neuen „Teufelswerk“ endlich das nächste eigene Studioalbum ab. Verteilt ist der teuflische Erguss auf 2 CDs – „Night“ und „Day“ und spiegelt laut eigener Aussage des Künstlers seine eigene, inzwischen 30 Jahre andauernde, Musikgeschichte wieder. Auf CD1 geht es wie der Name schon vermuten lässt um die Nacht und damit verbunden auf die Tanzfläche der Clubs. Ach ja - düster ist die Nacht sprichwörtlich auch noch. Direkt im stampfenden Opener „U Can Dance“ darf Roxy Music Legende Bryan Ferry seinen durchaus hörenswerten stimmlichen Beitrag zu dem knapp 10 Minuten dunkel vor sich hin knarzenden Einstieg in den Nacht-Teil des Albums abliefern. Es folgt das bereits oben erwähnte „Electronic Germany“ bevor niemand geringerer als Hells alter Kumpel P.Diddy einen Gastauftritt bekommt („The DJ“) Hells musikalische Einflüsse aus Detroit und New York sind auf der ersten CD unverkennbar, gleichzeitig jedoch in eine zeitgemäße und moderne Verpackung gepresst. Einen minimalistischen Stilmix aus Techno und Electro bietet im Anschluss der etwas unheimlich anmutende Track „Bodyfarm2“, der auch auf einem „Silent Hill“ Soundtrack nicht unpassend erscheinen würde, bevor wir beim Höllenrennen ein kleines bisschen an eine modernere Version von Yello’s „The Race“ erinnert werden. Durch die extreme Länge der einzelnen Stücke ist nach deren 8 und mit „Friday,Saturday,Sunday“ auch schon das nächtliche Ende erreicht.

Und wie das nun einmal so ist folgt nach jeder langen Clubnacht irgendwann auch wieder ein neuer Tag. Wir sind angekommen auf CD2 und es wird direkt im Kraftwerk-esquen „Germania“ erneut den deutschen Wurzeln gehuldigt. Nun scheint die vorangegangene Nacht tatsächlich lang gewesen zu sein, denn wer meint, dass der Tag wesentlich freundlicher und entspannter daherkommt, liegt daneben. Gemeinsam mit dem Multi-Instrumentalisten Christian Prommer (Sonar Kollektiv, Fauna Flash) und dem deutsch-italienischen Jazz-Pianisten Roberto Di Gioia geht es elektro-musikalisch zurück in die 70er – zurück zu jenen Elektronikpionieren mit denen Hell aufwuchs. Ehre, wem Ehre gebührt. Die von Peter Kruder produzierte CD2 bietet letztlich weniger treibende und weniger harte Beats als CD1, kann aber dennoch nicht im Entferntesten als Chill-Out Compilation oder etwas Vergleichbares bezeichnet werden. Die Single „The Angst“, die hier als 13 Minuten Epos „The Angst & The Angst Pt.2“ vorliegt, verbindet Gitarrenklänge, elektronische Beats und House Piano Riffs mit allerlei psychedelisch/kosmischen Hintergrundklängen und einer Schippe Distortion Effekten und mutiert über die Spieldauer hinweg zu einem der Highlights des gesamten Albums.

Hier wird Abwechslung und echte Innovation geboten und genau dieser Punkt ist vielleicht ein Kritikpunkt an Hells neuem Werk. Also nicht, dass es Abwechslung und Innovation gibt, sondern, dass dies nicht über die Gesamtspielzeit von fast 2 Stunden gehalten werden kann. Nun war nie die Rede davon, dass das elektronische Rad auf dieser Scheibe neu erfunden werden würde, dennoch sollte dies angemerkt sein dürfen. Während das entspannte „Nightclubbing“ (eine Hommage an Grace Jones und ihrer gleichnamigen Platte!? – man vergleiche nur die beiden Albumcover) trotz seiner Kürze noch irgendwie zu gefallen weiß, sind die anderen beiden kurzen Einschübe „Carte Blanche“ und „Action“ deutlich weniger ansprechend und erscheinen irgendwie unnötig. Der Schluss fällt mit dem Hawkwind Cover „Silver Machine“, welches recht blass im direkten Vergleich mit dem Original dasteht, auch eher durchschnittlich aus.

Unter dem Strich bleibt jedoch zu sagen, dass „Teufelswerk“ mehr gutes als durchschnittliches Material zu bieten hat und die positiven Seiten die negativen in den Schatten stellen. Freunde der puristischen Elektromusik und der Technomusik werden an Hells neuem Geknatter, Geblubber, Gestampfe und rhythmischem Gedröhne unter Garantie ihre Freude haben. Obendrein muss Hell sowieso niemandem mehr etwas beweisen.

Anspieltipps:

  • U Can Dance (feat. Bryan Ferry)
  • Electronic Germany
  • Germania
  • The Angst & The Angst Pt. 2

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