Peaches - I Feel Cream - Cover
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Peaches I Feel Cream


  • Label: XL Recordings/Beggars
  • Laufzeit: 42 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Es gibt Zeitgeistentwicklungen die wichtiger sind als andere. Die Benennungs- und Bekennungsarbeit muss hierbei der Journalismus leisten. Die tatsächliche Selbstbefreiung der Sexualität der Frau durch Bruch immer noch allgemein gültiger Benimmregeln etwa. So ist der literarisch mäßige, aber gesellschaftlich überbordend notwendige Tabubrecher „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche, der eine radikale Abkehr der Schönheits- und Sauberkeitszwänge die nur für Frauen nicht aber für Männer gelten postuliert, bisheriger Kulminationspunkt dieser Thematik hierzulande. Doch hat die Rebellion gegen einen im Grunde patriarchalischen Habitus, welcher von Frauen „das Verstecken der eigenen Kreatürlichkeit verlangt – und damit Schweiß und fleckige Unterhosen für Männer reserviert“, wie Ines Kappert in der TAZ schrieb, eine weit längere Vorgeschichte, als die Diskussionsforen zu „Feuchtgebiete“ erahnen mögen.

Schon zur Jahrtausendwende schockierte die aus Toronto ins Berliner Möglichkeitsexil geflüchtete Merill Beth Nisker mit ihren famosen „Teaches Of Peaches“ die Musikwelt und beanspruchte sämtliche Macho-Areale vom Striplokal über die nach testosteronem Schweiß stinkende, Sprüche klopfende Stammtisch-Ecke, bis hin zum einfachen Artikulationsbedürfnis jetzt endlich mal ficken zu wollen für sich – respektive für die Frau. Electroclash war geboren und, wie der Tagesspiegel kürzlich meinte, „Berlins erste und einzige Underground-Heldin“. Mit „Fuck The Pain Away“, „Lovertits“ und „Diddle My Skittle“ hat sie der Geschlechtergleichstellung einen auf den ersten Blick schwer zu verstehenden, aber zwingenden Dienst erwiesen. Auf genau gleiche Art triebgesteuert wie machoide Proletenrapper daher zu kommen mag den Alice Schwarzers dieser Welt schwerlich als Dienst an der Frau erscheinen, da Nisker in perfider, doppelbödiger Absicht, mit ihren Texten, ihrem Sound und ihrer Pose, das Klischee der in Realität nicht vorkommenden Pornofrau umsetzt, die immer willig, nicht genug von Schwänzen bekommend, eine schamlose Fickmaschine ist.

Der Zugang funktioniert wieder einmal über Zynismus. Die Lehren ihrer musikalischen Provokation, ihre wahren teaches of Peaches gehen in durchaus vergleichbare Grundrichtung wie Roche’s Roman: nicht Männer müssen sich verändern und anpassen um Gleichberechtigung realisiert zu bekommen, sondern die Frau muss dürfen, was Mann schon immer im gesellschaftlichen Konsens erlaubt war. Denn erst wenn die Frau genauso muschigesteuert wie der Mann schwanzgesteuert agieren darf, erlangt das machoide Sexualverhalten so vieler Männer auf dieser Welt endlich geringere, harmlosere Bedeutung – und nicht durch jahrhundertelang artifiziell antrainierte moralische Codices, die den Männern verbietet auf Brüste und Po zu schauen. Denn erst wenn Frauen ihre Flecken im Tanga genauso thematisieren können, wie Männer ihren Schweiß und ihre Fürze, wenn sie ihre Körpersäfte gleichartig zum Ausdruck von Verlangen machen dürfen, wie Männer ihr Sperma in sexuellem Zusammenhang vergöttern, realisiert sich Alice Schwarzers Lebenskampf: dass die an Kinder weitergegebene Rollenverteilung der Geschlechter eines MC Frauenarzts oder meinetwegen auch eines 50 Cents endlich obsolet wird und Nivellierung findet. Feminismus von hinten könnte der plakative Slogan lauten: nicht Erscheinungen wie MC Frauenarzt zu verbieten, sondern ihm ein weibliches Pendant zur Seite stellen, das auf gleiche Weise Männer zu bloßen Objekten der Schwanzbegierde macht, scheint der Weg diese Art von geschlechtlicher Ungleichbehandlung erfolgreich unwichtig werden zulassen.

Es zeigte sich, dass dieser Dienst ein offensichtlich auf Dauer schwer einzulösender war. Im Folgenden hatten „Fatherfucker“ und „Impeach My Bush“ der Welt nichts anderes zu erzählen, als die stete Erinnerung, dass sie der Macho-Welt ein Korrektiv entgegenstellt; und nichts anderes zu etablieren, als die Manifestierung ihrer Pose: mit angeklebtem Schamhaarteppich zwischen den Beinen und Achselhaaren auf der Bühne schreiend Sex einzufordern. Die Soundwelt ihres Erstlings, House-Beats treffen AC/DC-Riffs, auf dem sie nahezu alles im Alleingang einspielte, mit billigsten Synthesizer im Wohnzimmer und Mikrofon vom Berliner Flohmarkt, ließ sich ein zweites Mal nicht gleich stark konservieren. Da half auch Iggy Pops kollaborierende Hilfestellung nicht. Auch der Versuch mit dem dritten Album härter in die Rock-Richtung zu stampfen machte Peaches seltsam unglaubwürdiger. Da half auch Josh Hommes Hilfestellung nicht.

Nun ist sie nach drei Jahren zurück und die lange Vorrede lässt es erahnen: besser denn je. Denn neben der beständigen Dekonstruktion männlicher Frauenbilder, überzeugt Peaches endlich wieder durch ihren Sound. Die kanadische Berlinclique hat sich mit den Jahren zwar verlaufen, aber noch immer hilft Gomez ihr bei der Studioarbeit und ersten groben Songideen. Dazu beweist sie diesmal – mit der Erfahrung einer inzwischen 40-jährigen – perfektes Zeitgeistgespür: Simian Mobile Disco, Digitalism, Soulwax und Drums Of Death werkeln und basteln an einzelnen Songs mit rum. Das Ergebnis ist kurz überragend. Peaches elektronische Beats haben eine Aktualität und Frische, die einfach nur geil wirkt.

Schon in „Serpentine“ kleckern die Beats über den Tellerrand während Nisker resümiert, dass sie fertig sei mit Electroclash, den Scheck eingelöst und sich bedankt habe und nun fortfahre. Wohl wahr, geht die Reise auf „I Feel Cream“ doch – bis auf „Show Stopper“ vielleicht – deutlicher ins Elektronische denn je. „Talk To Me“ und „Billionaire“ ist Elektro-Rap vom feinsten, mit typischer Peaches-Message: „Fuck you like a billionaire!“ will sagen, das wir beim Geschlechtsverkehr alle gleich sind, warum also erst werden müssen wie die nächste Heidi Klum, um sich geil, schön und wohl zu fühlen beim Sex? Aber vor allem der Titeltrack und „Trick Or Treat“ haben es mir angetan und bilden den erstaunlichen Höhepunkt des Albums: das Nisker mal derartig sphärisch und feinfühlig singt und der Song trotzdem spielend leicht elektronische Tanzemphase entwickelt ist schon ein kleines Kunststück. Überhaupt tendiert Peaches langsam zu überblicksartiger Coolness, wie in „Mud“, „Relax“ und dem Closer eindrucksvoll unter beweis gestellt wird, die auf angenehme Art abgebrüht und erhaben wirkt.

Nicht zuletzt erwirkt die Peaches-Mission, den nicht zu verachtenden Nebeneffekt den sich schon Salt’N’Pepa verschrieben haben: Sex zu enttabuisieren und ihn geschlechterübergreifend formulierbar zu machen. Denn der Schock hat bei Peaches nur einen Zweck: zu gewöhnen. Damit vielleicht irgendwann beispielsweise Romane ohne den billigen Sex-Faktor auskommen. Nach dem Motto: (Verleger zum Schriftsteller) dein Roman ist gut, aber das Wort Sperma fehlt in ihm.

Anspieltipps:

  • Serpentine
  • Talk To Me
  • Billionaire
  • I Feel Cream
  • Trick Or Treat
  • Mud
  • Relax

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