Ben Harper - White Lies For Dark Times - Cover
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Ben Harper White Lies For Dark Times


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 47 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Vielschichtige Rocksongs mit Soul, Blues und richtigen Rhythm.

Das zweite Mal nach seinem Grammy-gekrönten Bluesausflug mit dem tatsächlich aus Blinden bestehenden, in den Südstaaten der USA sehr beliebten Gospelchor der Blind Boys Of Alabama, verlässt Ben Harper die Pfade seiner gewohnten Musikproduktion und tauscht seine langjährige Begleitband The Innocent Criminals diesmal sogar mit einer Bandneugründung.

Auf die gewohnten Innocent Criminals soll in Zukunft aber keineswegs verzichtet werden, das kalifornische gute Gewissen der Mutter Natur wolle lediglich neues ausprobieren. Mit Drummer Jordan Richardson und Bassist Jesse Ingalls, aus der lokalen L.A.-Band Oliver Future, und Gitarrist Jason Mozersky ist er Relentless 7, die auf „White Lies For Dark Times“ dem uramerikanischen Bluesrock der Sechziger frönen – und zwar sowohl in lauter, als auch leiser Ausführung. Ende Oktober 2008 gab es den ersten Gig im Rahmen der von den Beastie Boys initiierten Get-Out-The-Vote-Kampagne, um mitzuhelfen den großen change zu realisieren, den wir ja jetzt haben; nun wird ein Album nachgelegt, dass Harper tendenziell rockiger und weniger balladesk zeigt als auf Arbeiten mit den Innocent Criminals.

Generell verschwindet in den letzten Werken seine in der Mitte der Neunziger ausgelebte Tendenz der belehrenden, säuselnden Menschheitsanklage im Namen von Umwelt und Natur immer mehr, denken wir an sein bisher bestes, das Doppelalbum „Both Sides Of The Gun“. Genauer gesagt wird seine kritische Haltung heute von ihm stärker metaphorisiert und verschlüsselt und nicht in hypersensiblen, emotionalen Songs mit Flüsterstimme, die einen scheinbar wahlweise zum weinen oder Stellvertretend für alle Menschen zum schämen bringen wollten, dargeboten.

Nichts zu spüren von solchen Attitüden, „White Lies For Dark Times“ steigt ein mit stompin’ rock und erhabenen Chorus. Amerikanische Rockmusik aus längst vergangenen Zeiten legt sich über den beschallten Raum; höre ich wirklich eine CD? Die Liebe zu Jimi Hendrix bei den Soli zu „Number With No Name“, „Why Must You Always Dress In Black” und „Keep It Together (So I Can Fall Apart)”; das muttermilchartige Aufwachsen mit der Bottleneck Slidegitarre aus dem Musikladen für Folk und Blues der Großeltern, das sich wieder findet in Songaufbau und Rhythmusstruktur; Anklänge an den ganz frühen Lenny Kravitz – Ben Harper rockt mit Relentless 7 ähnlich stark, wie auf der „härteren“ Hälfte von „Both Sides Of The Gun“. Honky-Tonk-Piano, Saxophon, Mundharmonika und Funk-Gitarre füllen das Album, machen „Lay There & Hate Me“ und „Boots Like These“ zu vielschichtigen Rocksongs mit Soul, Blues und richtigen Rhythm.

Doch ganz ohne seine Sensibilität kommt Harper nicht aus, „Skin Thin“, „Fly On Time“ und „Faithfully Remain“ tapsen allerdings etwas verloren herum und wirken wie Füllwerk, da sie nahtlos in seine „Fight For Your Mind“-Zeit passen, nicht aber hierher. „The Word Suicide“ und „Up To You Now“ schaffen indes eine schöne Verbindung zwischen Ballade und Rock, mit ihrem zarten Beginn und der ausufernden Gitarrenarbeit gegen Ende.

Seine Roots-Rock- und Singer/Songwriter-Bedürfnisse zu integrieren, ist Harper auf „Both Sides Of The Gun“ durch simple Trennung am Besten gelungen, doch ist sein neuer Versuch mit „Relentless 7“ beide musikalischen Anliegen vertont zu sehen durchaus lohnend, wenngleich der Rock auf „White Lies For Dark Times“ so gut ist, dass die ruhigen Stücke tendenziell weggeskipt werden dürften.

Anspieltipps:

  • Number With No Name
  • Lay There & Hate Me
  • Why Must You Always Dress In Black
  • Keep It Together (So I Can Fall Apart)
  • Boots Like These

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