Placebo - Battle For The Sun - Cover
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Placebo Battle For The Sun


  • Label: PIAS/Rough Trade
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
7.1/10 Leserwertung Stimme ab!

„Battle For The Sun“ lässt den Hörer keineswegs nachdenklich und depressiv zurück, sondern verwundert mit teilweise überbordender Fröhlichkeit und kokettiert dabei ständig mit Pop-Strukturen.

Um Himmels Willen! Fast wären Placebo von einem der meist geliebten bzw. meist gehassten Rockacts zu „everybody´s darling“ geworden. Nach massivem Radioairplay und Touren sowie Festival-Headlineshows auf der ganzen Welt, ausgelöst durch die letzten beiden Machwerke „Sleeping with ghosts“ (03/2003) und „Meds“ (03/2006), die auch kommerziell die erfolgreichsten für das Dreiergespann Brian Molko (Gesang, Gitarre), Stefan Olsdal (Bass) und Steve Hewitt (Schlagzeug) waren, blieb der Truppe allerdings nichts anderes über als die Reißleine zu ziehen und eine Bestandsaufnahme zu machen. Der Deal mit Major EMI wurde nicht verlängert, Drummer Hewitt schied wegen persönlicher Differenzen („Wir haben in elf Jahren mit Placebo eine Art zweite Pubertät erlebt, wir sind zusammen durch die Höhen und Tiefen des Rock´n´Roll-Lifestyles gegangen. Inzwischen geben Stefan und ich einen Dreck auf diesen Lebensstil, uns geht es darum, bessere Musik zu machen. Steve dagegen wollte immer 19 bleiben“) aus, Molko gründete mit Olsdal das Label Dreambrother, den Vertrieb sollte PIAS in die Hand nehmen, und mit dem 22jährigen Steve Forrest holte sich Placebo frisches Blut in die eigenen Reihen.

Das Ergebnis mit „Battle for the sun“ fällt jedoch ernüchternd aus. Zumindest auf den Gesamtkontext der Band bezogen. Waren die Scheinmedikamente früher immer für melancholisch-depressive Musik mit einem Hauch Optimismus die erste Anlaufstelle, drehen Molko & Co. den Spieß auf ihrer sechsten Scheibe einfach um. Im Klartext bedeutet das, dass Placebo die grundlegenden Songideen in einem Optimismus baden, der die jahrelangen Fans erstmals ziemlich verdutzt zurück lassen wird, wodurch anfänglich das Gefühl aufkommt dieses Mal statt starkem Morphium nur herkömmliches Aspirin verabreicht zu bekommen. Schon bei der ersten Single „For what it´s worth“ ist mit Glücksspielautomaten-Musik, repetetivem „Yeah yeah yeah“ und fidelen Bläsern im Hintergrund jedenfalls die neue Marschrichtung vorgegeben und selbst Molko gefällt sich gut in der Rolle als bissige Rockröhre, bei der das altbekannte Leiden in der Stimme zwar stets präsent bleibt, aber nie Überhand gewinnt.

Mit einigen wenigen Ausnahmen setzt sich dieser Stil dann auf dem Longplayer fort. „Kitty litter“ ist als Opener noch eher an die Anfangstage angelegt und ein geradliniger Rocksong, doch „Ashtray heart“ stürmt schon in den ersten Sekunden mit freudiger Mehrstimmigkeit aus den Boxen und zielt ungeniert auf die Bühnen und Stadien dieser Welt. Selbst der anfangs gemächlich schlurfende Titeltrack schwingt sich zu einem flotten Groove und lautstarker Instrumentierung auf, während „Devil in the details“ die beginnende Düster-Atmosphäre mit einem aufbegehrendem Chorus zu brechen vermag, „Bright lights“ seinem Namen durch fiepsige Sounds und sonnigem Gemüt alle Ehre macht, „The never-ending why“ sich in Schunkelrhythmus und Glöckchengebimmel verliert und „Breathe underwater“ einer dieser ganz netten Songs für Zwischendurch ist und trotz rockiger Attitüde nur in limitierten Gewässern schwimmt.

Nein, „Battle for the sun“ lässt den Hörer keineswegs nachdenklich und depressiv zurück, sondern verwundert mit teilweise überbordender (im Bezug auf die letzten fünf Alben) Fröhlichkeit und kokettiert dabei ständig mit Pop-Strukturen, die wohl in dieser Form niemand auf der Rechnung hatte. Doch Placebo wären nicht Placebo, wenn in diesem hellen Licht nicht irgendwo eine dunkle Seele verborgen wäre. Bemerkbar macht sie sich in „Speak in tongues“, wo Molko wie früher in seinem Leid badet, dem mit subtilem Optimismus versetzten „Happy you´re gone“, das allerdings ebenso von „Sleeping with ghosts“ stammen könnte und mit im Schlussakt befindlichen Streichern eine vergängliche Stimmung generiert, oder der nur mit wenigen Wörtern hantierenden Katharsis „Come undone“, sowie der traurigen Klaviermelodie im Abschluss „Kings of medicine“. Dennoch ist „Battle for the sun“ im Bezug auf die gesamte Diskographie gesehen ein kleiner Rückschritt, sofern man die eingeflochtene Glückseligkeit nicht sowieso von vornhinein verabscheut, denn im Bezug auf die Lyrics haben Molko & Co. dieses Mal nichts Neues hinzuzufügen. Damit klingt der sechste Longplayer von Placebo teilweise mehr nach einer reinen Auflockerungsübung. Wahrscheinlich muss sich der kreative Prozess mit Neuzugang Forrest aber erst einpendeln um die richtig großen und saftigen Früchte abzuwerfen. Knospen sind jedenfalls schon ausreichend vorhanden.

Anspieltipps:

  • Speak In Tongues
  • Battle For The Sun
  • Devil In The Detail
  • Happy You´re Gone

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