The Horrors - Primary Colours - Cover
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The Horrors Primary Colours


  • Label: XL Recordings/Beggars
  • Laufzeit: 45 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Was ist denn das für ein Gejammer?“, fragt sich der Vater, aus dem Arbeitszimmer kommend und runzelt die Stirn. Nein, das ist nicht die abgefahrenste Platte von The Cure, die sie nie geschrieben haben. Das ist nicht der heulende Wind, der, sich quer durch die löchrigen Giebel bahnend, den kompletten Dachboden zum Beben bringt. Und das ist auch nicht Omas durch den Garten jaulende Katze, mit der sich Nachbars Tunichtgut mal wieder einen Streich erlaubt hat. Auf dem Weg zu dem Zimmer seines Sohnes wird der Geräuschpegel immer lauter und er kann gar nicht so recht glauben, was ihm da für Kopfschmerzen verursachender Krach entgegen schallt: Es sind The Horrors aus England, die mit „Primary Colours“ ein wahrlich düsteres Gruselkabinett errichtet haben.

Schon der Blick auf das verstörend-verschwommene Artwork der zweiten Scheibe von Faris Badwan (Gesang), Joshua Hayward (Gitarre), Tom Cowan (E-Bass), Rhys Webb (Keyboard) und Joseph Spurgeon (Schlagzeug) lässt schauriges erahnen und der Inhalt lässt einem dann tatsächlich die Nackenhaare zu Berge stehen: „Mirror's Image“ geistert durch den Raum, von atmosphärisch-flirrenden Keyboardsounds eröffnet, bevor Gitarren durch den Klangteppich brechen, die so klingen, als wären sie seit Jahren nicht gestimmt worden. Spätestens Sänger Badwan tritt den Song dann mit seiner verzweifelt-tiefen Stimme ab ins schwarze Loch. „I never meant for you to get hurt. / And how I tried, oh how I tried. / I could never give you just what you deserved. / Another man, would surely learn.“ singt er im depressiven, von einem bollerndem Bass getriebenen „Who Can Say“, wobei das Jaulen der Synthies so stark widerhallt, als stünden sie kilometerweit entfernt.

Und auch auf dem Rest des Albums kracht es ordentlich im Gebälk, es heulen die Tasteninstrumente auf, scheppern die Treppe hinunter und werden von verstörten Gitarren quer durch den Raum gejagt, stets von geradlinig rumpelnden Rhythmusinstrumenten untermauert. Das funktioniert bei besagtem „Who Can Say“ genau so gut wie bei dem auf Messers Schneide wanderndem „I Can't Control Myself“. Der Titeltrack bringt ein wenig Licht ins Dunkel und erinnert dabei leicht an die späten Joy Division. Man muss allerdings sagen, dass der Zweitling von The Horrors mit all seinen Ecken und Kanten beileibe keine leicht zu goutierende Platte ist.

Damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen: „Primary Colours“ ist ganz sicher kein schwaches Album. Atmosphärisch stark, musikalisch experimentell und mit auf den Punkt gebrachten Arrangements übersteigern The Horrors zu keiner Zeit den Punkt, an dem ihr Gothik-New-Wave-Rock zur bloßen Pose und somit peinlich werden würde. Was dem Album meistens jedoch fehlt, ist ein pulsierendes Herz, das dem Hörer mehr Gefühl vermitteln und ihn letztlich berühren würde. So ist „Primary Colours“ einfach ein verdammt übler Horrortrip, der sich sicher vorzüglich dazu eignet, den einen oder anderen Elternteil verrückt zu machen.

Anspieltipps:

  • Who Can Say
  • I Can't Control Myself
  • Primary Colours

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