The Boggs - Forts - Cover
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The Boggs Forts


  • Label: One Little Indian/Rough Trade
  • Laufzeit: 40 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

In Zeiten der Digitalisierung mag man kaum noch glauben, dass Garagenmusik immer noch eine Faszination für manche Menschen ausstrahlt. Diese rauen Klänge, die an eine Generation erinnert, die inoffiziell offiziell mit so ziemlich allem nicht einverstanden war und für alles stand, wofür das System nicht stand. Heute hat sich der politische Aspekt natürlich verfahren und es ist mehr der Spaß an der Freude, Krach zu produzieren. Jason Friedman hat es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht mit seiner Formation „The Boggs“ den Hörer aufs Äußerste zu reizen. Denn wo bei anderen noch mal die Stimme am PC geglättet wird oder so manche Gitarre weniger aufdringlicher aus den Boxen dröhnt, wird bei den Boggs immer schön draufgehalten. Das ist die Wahrheit der Straßen von New York! Nein, eigentlich nicht, aber es ist eine ganz besondere Ausstrahlung, die hier zum Vorschein kommt und die Idee von Genie und Wahnsinn wird ganz neu aufgerollt.

Besucht man die MySpace-Seite der Band, wird Afro-Beat mit als Genre-Beschreibung geliefert. Ob das jetzt tatsächlich Tatsache ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist, dass der Rhythmus im Opener und Titeltrack „Forts“ frisch und unverbraucht klingt. Viel Handclapping und eine Menge Gitarren veredeln dieses Rhythmusmonster zu einer Punknummer, die so bisher erst wenige Garagen gehört haben dürften. Allein der schmutzige Gesang allerdings erinnert hier an die LoFi-Wurzeln des Projekts. Allerdings kann diese grandiose Niveau nicht gehalten werden. Zwar ist „Remember The Orphans“ gewollt anstrengend und funktioniert auch immer noch sehr gut, doch den Track plagt zu sehr eine Eintönigkeit, die schnell auf die Nerven geht. Auch „Little Windows“ beginnt ein wenig zu normal mit schnellen Gitarren und Kinderliedformat, doch dann setzen irgendwann die Bläser (ein Steckenpferd Friedmans) einsetzen und der Song noch seine besondere Note erfährt.

Der sanfte Ausklang des Liedes scheint erst überraschend, ist letztlich aber nur eine passende Anpassung zum ruhigen „One Year On“. Ein super Folktrack für alle die sich inzwischen mit dem unsauberen Gesang Jasons abgefunden haben. Akustikgitarre und Streicher und die schöne Stimme der Sängerin machen diesen intimen Song aus, bevor das Highlight „Arm In Arm“ ertönt. Dieser Song dürfte in abgewandelter Version so manch einem bekannt sein, doch auch ohne viel Elektronik kann der einfache Rhythmus überzeugen. Hier ist wieder die Frische des Openers zu hören. Dazu eine Portion schwere Gitarrenriffs, gepaart mit Akustikteilen und einprägsamer Melodie. Das sollte die Kernidee der Boggs darstellen. So muss Musik klingen, wenn sie problemlos neu wirken will. Die gekonnten Bläsereinlagen sorgen für ein Kontrastprogramm, das ein fesselndes Gesamtbild erstellt.

Anscheinend fehlte es aber an genug überragenden Ideen, denn „Bookends“ ähnelt dem mittelmäßigen „Remember The Orphans“ doch sehr stark. Und wie schon zuvor wird das Gesamtbild von schönem Outro und ruhiger Nummer (in Gestalt von „After The Day“) gerettet. Zwar ist „After The Day“ in den Strophen ziemlich eintönig und kommt damit über ein solides Niveau hinaus, begeistert aber zumindest mit den Gitarrensoli. Die Eingängigkeit wird leider auch im folgenden „The Passage“ übertrieben, aber „The Boggs“ sind nicht für instrumentale Achterbahnfahrten da, sondern für die punkigen Rhythmen. Leider ist beides nicht vorhanden in dieser minimalistischen Nummer. Wäre sie nur zwei Minuten lang, würde es sich um eine schöne Interlude handeln, aber so kämpft sich das Lied durch seine volle Spielzeit. „So I So You“ darf getrost in die Schublade von „Remember The Orphans“ geschoben werden.

Da ist die Punk-Hymne „Melanie In The White Coat“ gleich viel lebendiger. Der Spaß dieses Singalongs wird nur durch die Personifizierung des Garagegenres gestört, aber wem diese ungeschliffene Art von Musik nicht gefällt, der wird sowieso nicht seinen Frieden mit den Boggs schließen. Zum Ende wird es noch mal richtig abgedreht und so folgt auf das ungebremste Stück nun „If W e Want (We Can)“, einem musikalischem Drogentrip, der Klatschen und Trommeln mit möglichst vielen Schlägen in der Minute hervorzuheben versucht. Keine Großtat, aber gewiss eine Menge Spaß stecken auch in diesen nicht einmal zwei Minuten. Damit auch der Künstler aber seiner Sache gerecht wird, folgt mit Poor Things“ der würdige Abschluss zu den Ideen aus „Forts“ und „Arm In Arm“. Die Verbindung aus Akustikgitarre und fremdartigen Beats ist schlichtweg entspannend und lässt trotzdem niemanden still sitzen. Die zwei Akkorde aus „Holiday“ erinnern wiederholt an den Indie-Faktor, der wirklich beachtlich hochgehalten wird und wer sich auf die Ideen der Boggs einlässt, findet eine wunderbare, kurzweilige Unterhaltung, bei der die Schwächen einfach überspielt werden müssen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und dazu stehen The Boggs auch.

Anspieltipps:

  • Forts
  • Arm In Arm
  • Poor Things

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