Gossip - Music For Men - Cover
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Gossip Music For Men


  • Label: Columbia/SonyBMG
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Rick Rubin als Produzent pointiert den Sound Gossips in ungeahntem Ausmaß.

Pop goes the world. Diese Erkenntnis hätte nicht bloß Name eines Songs, sondern auch gleich der programmatische Albumtitel werden können. Stattdessen ist es „Music For Men“ geworden; beides sind zutreffende Einordnungen der sprachlichen Umschreibung der Musik Gossips im Jahre 2009.

Rick Rubin als Produzent, es ist kaum noch eine Erwähnung wert, sondern fast schon gegebenes Faktum, pointiert den Sound Gossips in ungeahntem Ausmaß und ließ die Erwartungshaltung entsprechend anschwellen. Dabei war die Grundausrichtung der Bandentwicklung durchaus gegeben und alle die sich nun wundern, wie stark das musikalische Spektrum Gossips von ihrem frühen, trashigen, rohen, punkiesken Dance-Indie-Rock abweicht und jetzt Ausverkauf und Pop-Anbiederung schreien, haben dem Reifungsprozess Beth Dittos, Nathan Howdeshells alias Brace Paine und Hannah Blilies schlicht nicht ernsthaft Rechnung gezollt. Denn der Lauf ihrer Alben, vom Debüt „That’s Not What I Heard“ 2001 auf Kill Rock Stars, über „Movement“ 2003, bis zum Mainstream-Durchbruch „Standing In The Way Control“ vor drei Jahren, war der typische Weg einer Band aus einem bestimmten subkulturellen Underground, der Post-Punk-Riot-Grrrl-Szene Washingtons (des Staates, nicht der Hauptstadt), hinein in das popkulturelle Möglichkeitsmeer der großen Festivalbühnen, Headlinertourneen, Musikkanälen und Radios.

Zu verdanken, den Protagonisten ist es gewiss, haben Gossip ihren Erfolg dabei nicht nur ihrem musikalischen Können und der sagenhaften Stimme Beth Dittos. Würde das reichen um in den Recalls dieser Showwelt zu bestehen, die Sieger bestünden zu erheblich höherem Prozentsatz aus aus den Rahmen fallenden Talenten á la Ditto. Nein, ein wohltuender Nebeneffekt unserer heutigen kulturellen Globalisierung in der Punks (Green Day), Metaller (Metallica) und Technoten (Sven Väth) Millionäre und nicht ausgestoßene Randerscheinungen sein dürfen und jede Subkultur ihre Abschottungsfunktion verliert und folglich Jugendlichen als echte Rebellion nur noch Koma-Saufen bleibt, ist eben auch das Phänomen Gossip: Eine übergewichtige, live regelmäßig strippende, lesbische, hervorragende Sängerin die sich ihren Liebesschmerz aus der Seele singt zu zeitgemäßen Klängen des tanzbaren Krachs. In einer anderen Zeit als der unsrigen, hochgradig ambivalenten würde Ditto ihr Geld nicht auf diese Weise verdienen, so viel scheint gewiss.

Was war also zu erwarten nach den Über-Hits „Standing In The Way Of Control“ und „Listen Up“ des Vorgängeralbums? Die weiterbetriebene konsequente Synthese aus Pop und Underground, genau wie wir sie auf höchstem Niveau auf „Music For Men“ geliefert bekommen. Die Abkehr szenegläubiger Erstfans ist bei diesem Prozess ein nicht zu verhinderndes Gesetz. Dabei stapelt die Band Eingangs tief, „Dimestore Diamond“ beginnt verhalten und gibt doch die Richtung vor: die Songs auf „Music For Men“ werden getragen und aufgebaut von Bass-Läufen, färben den Rock von Gossip stärker den je mit Funk und Soul. Passend zu den stimmlichen Fähigkeiten Dittos, wie umgehend mit Single und Disko-Kracher „Heavy Cross“ bewiesen; das Schemata zu bereits genannten Hits mag das gleiche sein, bei genügender Konsumtion freut man sich nur noch über clever gesetzte Gitarren-Riffs, Pop-Melodie und treibende Rock-Rhythmik. „Love Long Distance“ etabliert dann den Keyboard-Gebrauch auf „Music For Men“. Synthie-Klänge vermischt mit Kuhglocken-Samba-Takt, der fast schon dem Berliner Karneval der Kulturen untergejubelt werden könnte, helfen „Pop Goes The World“ zum nächsten Höhepunkt werden zu lassen, bevor die Indie-Gitarre den Song in gewohntere Bahnen lenkt. „Vertical Rhythm“ besticht, nun ja, mit seinem vertikalen Rhythmus und „2012“ tanzt den Rock mit Dittos unnachahmlichen Tanzansagen.

Dass Songs wie „Men In Love” und „Love Long Distance” die Anbiederung an den Pop zu sehr wagen, wird deutlich durch den Nervfaktor der den poppigen Passagen zu eigen ist und die Austauschbarkeit des Gossip-Sounds im Jahre 2009 leider erhöht. Einige Songs auf Musik für Menschen wird man nur an bestimmten Tagen mögen, an anderen betten sie sich ein in den Radioalltag der musikalischen Gleichheit. Gossip vollziehen ihre Transformation vom Underground zum Star-Act konsequent, es sei ihnen gegönnt, da sie geschminkt und mit Glitzerkostümen authentischer sind als es Katy Perry je sein wird. Gossip tauschen bedingungslose (von Wenigen) gegen partielle (von Vielen) Gefolgschaft. Der übliche Ruhmespreis.

Anspieltipps:

  • Heavy Cross
  • Pop Goes The World
  • Vertical Rhythm
  • 2012

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