Riverside - Anno Domini High Definition - Cover
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Riverside Anno Domini High Definition


  • Label: Inside Out/SPV
  • Laufzeit: 45 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
7.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Das mittlerweile vierte Album der vier Jungs von Riverside aus Warschau in Polen trägt einen aus vier Wörtern bestehenden Titel, besitzt eine Gesamtspieldauer von 44:44 Minuten und – man höre und staune –, setzt sich aus fünf (!) Kompositionen zusammen. Die Erwartungshaltung an das Album war im Vorfeld sehr groß. Riverside haben in den letzten Jahren viele Fans gewonnen und nach dem Abschluss ihrer „Reality Dream“-Trilogie mit „Rapid Eye Movement“, das mehr oder weniger eine Mischung der ersten beiden Alben bot, musste etwas Neues her. Klar, von Künstlern des progressiven Genres wird nun mal Veränderung und Ideenreichtum erwartet. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Polen haben einen charakteristischen Sound entwickelt, den man nicht einfach so über Bord wirft.

Lange Rede, kurzer Sinn: Riverside lassen die Fesseln der Trilogie hinter sich, präsentieren massenhaft Ideen und so kommt die nötige Veränderung wie von selbst. Die Musik auf „Anno Domini High Definition“ ist deutlich komplexer und energiereicher als auf den Vorgängern, mit vielen Metal- und Hardrock-Einschlägen. Fast jede Minute wird dem Hörer ein neues Riff um die Ohren gehauen, einfach unglaublich. Die Sprühen nur so vor Kreativität und erinnern mit ihren schnellen Riffwechseln an alte Rush-Zeiten. Dabei klingen sie immer noch klar nach Riverside.

Thematisch handelt das neue Werk von der aktuellen schnelllebigen Zeit, voller technischer Geräte, die schneller veraltet sind als dass man sich einmal im Kreis gedreht hat. Es erzählt von Menschen, die Angst haben, dem Tempo der Technikevolution nicht mehr folgen zu können und dadurch die Welt nicht mehr verstehen. Die Musik setzt diese Jagd mit der Zeit hervorragend um.

Los geht es mit „Hyperactive“ und einem Klavier-Part, der für einen entspannten Einstieg sorgt bis nach ca. einer Minute die Wandlung beginnt, der Energieschub einsetzt und das Tempo angezogen wird. Der Protagonist dieses Songs ist verängstigt: „I hope my sell-by date didn’t expire yesterday“. Er ist gefangen in einer Schleife, die ihm nur das Atmen erlaubt. „Driven To Destruction“ klingt phasenweise wie man es von den letzten Alben gewohnt ist, aber doch komplexer und weniger melodisch. Im Allgemeinen bietet die CD weniger für Freunde der lyrischen und melodischen Seite von Riverside. Lieder wie „Conceiving You“ sucht man hier vergebens, man findet eher die Sorte „Reality Dream III“, also komplexe Songstrukturen mit viel Synthesizer und stark rockendem Charakter. Auffällig ist auch, dass Gitarrist Grudzinski eine große Entwicklung genommen hat. Er lebt nicht mehr überwiegend von dem David Gilmour typischen Gitarrensound, vielmehr präsentiert er zahlreiche Facetten von schnellen Gitarrensoli bis zu harten Riffs.

„Egoist Hedonist” ist in drei Teile untergliedert und überrascht durch einen Bläser-Part, der sich wundervoll einfügt. Der Bass groovt, die Stimmung wechselt immer wieder und verdeutlicht den ständigen Wettkampf um nicht zurück zu bleiben, wobei nur kurze Augenblicke der Reflexion bleiben bevor es wieder weiter nach vorne geht. Besonders im Endteil hört man Progressive Metal mit Einflüssen von Dream Theater. „Left Out“ ist das eingängigste Stück und der Ruhepol des Albums. Man muss ja auch mal durchatmen in dieser hastigen Welt.

Mariusz Duda kann hier nicht nur mehr von seiner stimmlichen Bandbreite präsentieren, sondern ebenfalls am Bass beweisen wie groß sein Beitrag zum Ganzen ist, bevor es zum Finale Furioso kommt. Das Tempo wird angezogen und vor allem Hardrockelemente im Stile von Led Zeppelin und Deep Purple (Schweineorgel) kommen zum Einsatz. Apropos Schweineorgel. Michal Lapaj drängt sich mit gelegentlichen Ausritten auf Synthesizer und Orgel immer wieder in den Vordergrund und sorgt somit nicht nur für die Soundflächen sondern setzt viele Akzente auf dem Album.

Zum krönenden Abschluss gibt es „Hybrid Times”. Dudas Stimme schwebt zwischen Wut und Verzweiflung und steigert sich oft bis zum befreienden Schrei. Am Bass tobt er sich ebenfalls aus und bietet sogar ein Bass-Solo. Wen haben wir vergessen, na klar, Piotr Kozieradzki am Schlagzeug. Auch er vermischt gekonnt viele Stile, passt sich dem vielseitigen Geschehen an und überrascht in „Hybrid Times” mit einem kurzen Blast-Beat-Part aus dem Death-Metal-Reich. Immer wieder drängt sich während des Songs ein Elektronikpart in den Vordergrund, der in den letzten Minuten die Führung übernimmt. Etwas in der Art von „Rapid Eye Movement“, dass dich in einem Trancezustand zurücklässt, sobald der Silberling seine Runden beendet.

Riverside sind eine feste Größe im modernen Prog und bieten ein kompliziertes Album mit fünf vollgepackten Kompositionen, das entsprechend der Thematik der Schnelllebigkeit relativ kurz ist. Aber: In der Kürze liegt die Würze. Im Gegensatz zu Alben anderer Künstler dieses Genres, die auf Spielzeiten jenseits der 70 Minuten setzen, ist dieses Album nicht zu anstrengend und lädt geradezu zu weiteren Rotationen im CD-Player ein. Schließlich müssen die Feinheiten erstmal erschlossen werden.

Anspieltipps:

  • Hyperactive
  • Left Out
  • Hybrid Times

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