Wilco - Wilco (The Album) - Cover
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Wilco Wilco (The Album)


  • Label: Nonesuch/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Für manch einen wird es nicht so gut zünden, wie „Sky Blue Sky“ es tat, doch die Halbwertszeit dieses Albums ist mitnichten geringer.

Nach den eher gediegenen Covern der letzten beiden Alben bedient sich Jeff Tweedy diesmal wieder eines bunteren Motivs. Auch wenn das Kamel mit Partyhut auf Terrasse vor malerischer Hauslandschaft nicht wirklich auf den neuen Aufnahmeort Neuseeland hinweist, ist es offensichtlich, dass wieder Veränderung ins Haus steht. „Sky Blue Sky“ entledigte sich größtenteils den typisch verzogenen Gitarren und auch die Experimente eines „A Ghost Is Born“ fehlten. Diese könnten mit ihrer Rückkehr das Cover rechtfertigen oder besser: untermalen. Allerdings war „Sky Blue Sky“ mit seinem Vorgänger das bisher Stärkste, was Wilco auf die Beine gestellt haben und seit wann verrät denn ein Cover etwas über die Musik?

Das neue Album heißt schon Genrebestimmend „Wilco (The Album)“. Es erwartet uns als Wilco in Reinform und damit erklärt sich auch der pfiffige Titel des Openers „Wilco (The Song)”. Und tatsächlich diese schroffen Gitarren hat man schon einmal gehört, Tweedys Stimme ist butterweich wie immer und wenn in der Bridge die Glockenschläge ertönen, weiß man: Wilco sind zurück. Dieser Song drückt mit seiner ruhigen Rockkraft Vieles aus, was die Band ausmacht (am Ende natürlich auch knarzende Gitarren). Es ist bestimmt nicht ihr bester Track, doch das üblich hohe Niveau wird gehalten. Die große Stärke liegt aber, wie schon so oft in der jüngeren Wilco-Historie, in den ruhigen Stücken. „Deeper Down“ kann sich vor Zärtlichkeit und schönem Akustikriff kaum retten. Noch einen drauf setzt der erste richtige Höhepunkt des Albums: „One Wing“. Ohrwurm von der ersten Sekunde an, schmiegt dieses Lied sich an das Ohr des Hörers und nimmt langsam Fahrt auf, bis das entstandene Gesamtbild von einem dieser berühmten Soli vorsichtig attackiert und unterstützt zugleich wird. Herrlich.

Die Parallele zu „A Ghost Is Born“ wurde also gezeichnet und folgerichtig kommt mal wieder ein Nervlied. „Bull Black Nova“ wird vielen Leuten mit seinem Stakkatohintergrund auf den Geist gehen. Wer sich allerdings auf die geheimnisvolle Stimmung dieses Songs und seinen abermals gelungenen Refrain einlässt, entdeckt gleich die nächste Perle dieses Albums, die ebenfalls in einem Gitarrenstörgeräuschgewitter endet. Dann gibt es noch etwas sehr Ungewöhnliches zu entdecken. Ein Duett von Tweedy mit Feist. Eine kleine, feine Ballade ohne große Schnörkel, bis auf das Wilco-typische psychedlische Element der Gitarre. Abgesehen von der Überraschung des Duetts ist „You And I“ jedoch eher eine der durchschnittlichen Nummern. Aber Moment! Was ist eigentlich aus den Country-Wurzeln der Band geworden? Um die Rezension mit einer rhetorischen Schnitzeljagd nicht unnötig in die Länge zu ziehen, sei gesagt, dass „You Never Know“ ein paar offensichtlich folkige Tracks einleitet, wenngleich diese Wurzeln schon vorher in der Struktur der einzelnen Lieder findet.

„You Never Know“ ist aber offensichtlich dieser Richtung verschrieben, ist wieder ein schnelleres Lied, mit Saloon-Klavier und gute Laune Backvocals. „Country Disappeared“ geht dann wieder runter vom Gas und lebt von den kleinen Details der Instrumentalisierung und der sanften Stimmung. Durch den gewohnt guten Einsatz dieser Elemente entsteht beinahe eine Feuerzeug-Hymne. „Solitaire“ kann da nicht ganz mithalten, auch wenn es wieder ein perfektes Beispiel für Wilco-Musik ist. Die Gitarre fern im Hintergrund und ungewöhnliche Tasteninstrumentklänge als Unterstützung. Bevor das Album dann doch zu ruhig wird, folgt mit „I’ll Fight“ eine sehr einfache und mindestens genauso einprägsame Nummer, die sich dem psychedelischen Element einfach nicht entledigen will. Das Riff ist wahrscheinlich für die nächsten zwei Wochen verankert und wird sich auch anschließend nur schwer entfernen lassen.

„Sunny Feeling“ macht es dem Hörer nicht weniger schwer und gefällt als schlagfertiger Sonnenscheinhit mit kratzenden Gitarrenspuren. Einfach klasse, dass Wilco nach so vielen Jahren immer noch so viel Spielfreude zeigen, ohne sich zu wiederholen. Das beweist die Abschlussballade „Everlasting Everything“ erneut mit tollen Zwischenteilen und einem weit ausgelegten, sympathisch verdrehten Ausklang. Wilco haben tatsächlich auch dieses Mal ein ganz starkes Album gezaubert. Für manch einen wird es nicht so gut zünden, wie „Sky Blue Sky“ es tat, doch die Halbwertszeit dieses Albums ist mitnichten geringer.

Anspieltipps:

  • One Wing
  • Bull Black Lava
  • Sunny Feeling
  • Everlasting Everything

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