Regina Spektor - Far - Cover
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Regina Spektor Far


  • Label: Sire/WEA
  • Laufzeit: 48 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine mittelschwere Enttäuschung, die dem Status der eigenwilligen Songschreiberin nicht gerecht wird.

Wenn eine ehemalige Indie-Songschreiberin, die mit eigentümlicher Melodik, irrwitzigen Ideen und Stimmakrobatik auf sich aufmerksam macht, den kommerziellen Durchbruch schafft, ist das schon eine kleine Sensation. Wenn diese Hochphase allerdings nicht nur für kurze Zeit anhält, sondern von längerer Dauer ist und sogar ein Majorlabel auf die Künstlerin aufmerksam wird, diese unter Vertrag nimmt und sich über mehrere Gold- und Platinauszeichnungen rund um den Globus verteilt freuen darf, dann könnte es sein, dass mit dem blitzschnellen Erfolg einige Prinzipien und Tugenden schneller über Bord geworfen werden als man “Ausverkauf” sagen kann.

Die Rede ist von der gebürtigen Russin Regina Spektor, die mit “Begin to hope” (08/2006) eine umwerfende Songkollektion vorgelegt hat, die trotz einiger widerspenstiger Ansätze mit grazilem Charme und einer ausgewogenen Mischung aus Kreativität und Feinfühligkeit zu punkten wusste. Damals noch gemeinsam mit David Kahne (Paul Mc Cartney, The Strokes, Kelly Clarkson) produziert, muss “Far” diesen kleinen Geniestreich anscheinend mit allen verfügbaren Mitteln übertrumpfen. Ein Punkt ist dabei die inflationäre Aufstockung der Beteiligten. Zu Kahne gesellen sich nämlich zusätzlich Mike Elizondo (Nelly Furtado, Eminem, Pink), Jeff Lynne (The Beatles, Joe Cocker, Tom Jones, Aerosmith) und Jacknife Lee (Bloc Party, Snow Patrol, U2), wodurch die Brücke zu den ganz Großen im Business geschaffen ist und die positiven Nebeneffekte einem Major anzugehören, zumindest was die finanziellen Mittel betrifft, optimal ausgenutzt werden. Auf der musikalischen Ebene ist der neue Longplayer der 29-jährigen allerdings nicht viel mehr als ein gut gemeinter Nachschlag.

Das macht sich vor allem im unspektakulären Klangbild bemerkbar, das dieses Mal nicht eine faszinierende Sogwirkung entstehen lässt, sondern durch seine Geradlinigkeit auffällt und nach ein paar Hördurchgängen keine versteckten Details oder liebevollen Verzierungen zu Tage fördert. “Far” richtet seinen Fokus im Gegensatz zu den vorangegangenen Werken, wo Musik und Text eine Einheit bildeten, eindeutig auf Frau Spektor, die ihre avantgardistische Stimmführung eindrücklich zur Schau stellt, jedoch stellenweise in schwer verdaulichen Nonsens abdriftet, der wie z.B. in “Folding chair” oder “One more time with feeling” Parallelen zu einsilbiger Kinderliedsprache offenbart. Zudem wird der Hörer selten überrascht und von ehemals unerwarteten Rhythmuswechseln und sonstigen Spannungsklängen fehlt beinahe jede Spur. Darüber hinaus wirken viele Ansätze zerfahren oder sind in ihrer Ausführung zu forsch ("Two birds"), weswegen sich ein homogenes Bild nicht so recht einstellen will.

Besonders schade ist, dass Miss Spektor nach „Begin to hope“ durchaus den Eindruck vermittelt hat trotz Major-Unterstützung ihrem Indie-Charme gerecht zu bleiben. Leider ist dieser hiermit fast gänzlich abgelegt und der Versuch beide Lager, also sowohl die alten (unkonventionelle Kompositionen) als auch die neuen (stärkere popinfizierte Strukturen) Fans, zufrieden zu stellen, ging nach hinten los. Alles in allem ist “Far” also eine mittelschwere Enttäuschung, die dem Status der eigenwilligen Songschreiberin nicht gerecht wird. Improvisation schreibt Miss Spektor zwar noch immer groß und auf der Habenseite schauen mit “Machine” (dezent eingewobene Elektronik), “Wallet” (weit ausholende Gedanken über eine gefundene Geldbörse), “Man of a thousand faces” (Pianoballade zum Dahinschmelzen) oder “Eet” (kleiner, aber feiner Popsong) Anknüpfungspunkte an die vorhergehenden Alben vorbei, mit dem Wegfall der windschiefen Symbiose aus Klassik, Pop und absolut gegensätzlichen Elementen macht die Entdeckung der Platte letzten Endes aber nur halb so viel Spaß.

Anspieltipps:

  • Eet
  • Machine
  • Man Of A Thousand Faces

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