Lene Marlin - Twist The Truth - Cover
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Lene Marlin Twist The Truth


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 38 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Zeit ist der größte Feind des modernen Popstars. Erwartungsdruck wird geschürt oder schlimmer noch: Die Vergessenheit greift um sich und reißt den Musiker in ein schwarzes Loch. Lene Marlin, einst Wunderkind der Norwegischen Pop-Szene, zog sich schon nach ihrem Debüt freiwillig zurück und ließ damals vier Jahre auf ein neues Album warten. Auch seit ihrem letzten Album „Lost In A Moment“ (2005) sind wieder gute vier Jahre ins Land gezogen und dementsprechend sinkt die Beachtung gegenüber der inzwischen 29-jährigen Songwriterin. Nur noch wenig erinnert an ihren Riesenerfolg „Unforgivable Sinner“, welcher 1999 für Furore in ganz Skandinavien sorgte.

Ob diese ganzen Tatsachen Lene wirklich stören, ist ungewiss. Der Musik hat sie allerdings nie den Rücken zugewandt. Und der fehlende Druck kann durchaus etwas Gutes haben, betrachtet man ihr letztes Album genauer. Schon dort warf sie die Fesseln zwingender Hits ab und besonn sich auf ihre Stärken. Soruhig und gekonnt geht es jetzt nach einer Ewigkeit auch wieder los. Dabei setzt Lene nicht darauf, zu überraschen, sondern den Hörer schlichtweg mit ihrer Art zu umgarnen. Soviel vorweg: Auf Twist The Truth sucht man vergebens nach Liedern für die Ewigkeit, doch genauso wenig wird man fündig, sucht man nach anspruchslosen Liedern für Nebenbei. Lene Marlin hat es mal wieder geschafft und spielt sich ganz unaufdringlich in die Herzen aller Pop-Freunde.

Der Anfang gibt sich sehr akustisch, was ja schon immer eine Stärke der Madame Marlin war. Everything’s Good lässt sich von Streichern über den Wolken tragen, während Country-Klänge der Gitarre stets für erdigen Kontrast sorgen. Dazwischen diese himmlisch zarte Stimme, welche nie zu süß oder zu melancholisch wirkt. Die Vorliebe für den Country-Sound wird auch in den nächsten Liedern noch ausgeweitet und findet ihren Höhepunkt in „Story Of A Life“. Ein Lied scheint zartfühlender als das nächste zu sein und obwohl alle Lieder leicht ins Ohr gehen, offenbart sich allein „Here We Are“ als potenzielle Single. Damit es jedoch nicht zu eintönig wird, kommt die erste, klassische Pop-Ballade in Form von „You Could Have“. Hier geht es zu, wie auf Lenes Debüt und das Piano kommt mal wieder zum Zug, wogegen die Gitarren jetzt moderner klingen.

Der schönste Teil des Albums wird jedoch erst von „I’ll Follow“ eingeleitet. Hier kommt der Indie-Geist hervor und es zeigt sich wieder was für eine kraft Bläser in der heutigen Pop-Gesellschaft haben. Dazu die Minimal-Atmosphäre, welche durch leichte Elektronik flexibel, aber unaufdringlich bleibt. Herzerwärmend und auf den Punkt. Nach demselben Prinzip, jedoch trauriger und mit Streichern anstatt der Bläser kommt „Learned From Mistakes“ daher und wer in diesen knapp sechs Minuten unberührt bleibt, der kann sich wohl mit dem berühmten Ebenezer Scrooge messen. Typisch Skandinavier! Solche langen Oden an die eigenen akustischen Leistungen, hört man zumeist aus dem Norden.

„Have I Ever Told You“ ist dann ein herrlich verspielter, süßer Pop-Traum, welcher von Upbeat-Drums, Bläsern und Banjo lebt. Was kann sich der Indie-Pop-Fan mehr wünschen, als diese ausgelassene Kombo. Diese Nummer ist ganz klar ein Höhepunkt dieser sowieso schon gelungenen Rückkehr Marlins. Zum Abschluss gibt es dann noch eine Akustikgitarrenballade, die sich wie nicht wenige Lieder des Albums der Stimmvervielfältigung bedienen. Ansonsten wird hier mit einfachsten Mitteln gearbeitet und ohne großes Aufsehen, aber mit Menge Herz, wird man in den Schlusstrack „You Will Cry No More“ entlassen. Hier darf der Hörer spätestens beim Einsatz des Chores, welcher an Klang einem „Eskimo“ (Damien Rice) gleichkommt, den Mund speerangelweit offen stehen lassen und sich allein darüber ärgern, dass es kein richtiges Finale gibt.

So spiegelt dieses Lied das Album perfekt wieder. Es gibt so viele tolle Ansätze und ein ums andere Mal kann auch ein ganzer Track für Feuer sorgen. Der Funken, der das ganze Album endgültig zum Lodern bringt und einen Klassiker daraus macht fehlt, aber mal im Ernst: Wer hätte erwartet, dass Lene Marlin ein solches Album herausbringt? Zu ihrem letzten Album sagte die Norwegerin selbstbewusst, es sei ihr bestes bis dahin. Dies hat sich, so behauptet der Rezensent frech, geändert, denn Twist The Truth ist noch mal einen Tick besser und Zeit hin oder her. Man sollte dankbar sein, dass die hübsche Frau Marlin ihre Gabe auch weiterhin mit uns teilt, wo sie doch gar kein Celebrity sein mag.

Anspieltipps:

  • Have I Ever Told You
  • Here We Are
  • Learned From Mistakes

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