Porcupine Tree - The Incident - Cover
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Porcupine Tree The Incident


  • Label: Roadrunner/WEA
  • Laufzeit: 76 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Vorfall. Ist das nicht tatsächlich ein sehr nüchternes, kaltes Wort, hinter dem sich allerlei Tragödien verstecken können? Alleine das Erscheinungsdatum, der 11. September, erinnert doch geradezu an einen großen Vorfall, die Anschläge auf das World Trade Center im Jahre 2001. Steven Wilson stand eines Tages im Stau, der durch einen Verkehrsunfall verursacht wurde und sah die Polizeiabsperrung mit den Worten „Police - Incident“. Daraufhin hat er sich viele Gedanken über eigene und fremde Schicksalsschläge gemacht und am Ende den Begriff auf Momente im Leben erweitert, nach denen nichts mehr so ist wie früher. Dabei entstand ein 55-minütiges Epos, unterteilt in 14 Bruchstücke.

Porcupine Tree ist eine der wenigen Bands, deren Musik man nicht nach ein oder zwei Alben kennt, geschweige denn wirklich kategorisieren kann. Ihre ständige Weiterentwicklung von anfangs keyboardlastigen, psychedelischen über poppige bis zu stark gitarrenbasierten metallischen Einflüssen hat ihnen das Prädikat „progressive“ eingebracht. Doch nun scheinen die Herren ihre ständige Reise in neue Gefilde auszubremsen und besinnen sich auf alte Tugenden. Entwarnung also an alle, die eine immer weitere Härtezunahme befürchteten. Die harten Momente sind rarer gesät oder anders gesagt besser ausgewogen. „The Incident“ ist eine gekonnte Fusion aus älteren und neueren Werken, eine Synthese zwischen akustisch und verzerrt, fließend und vertrakt, melodisch und melancholisch und im Ergebnis doch eigenständig und anders.

Beweise? Im Angebot haben wir „The Blind House“, das „Fear Of A Blank Planet“ zu Gesicht stehen würde, oder das Industrial-artige „The Incident“, wie es auf dem Soloalbum von Wilson hätte landen können. Dann das kurze, pop-rockige „Great Expectations“ („Lightbulb Sun“ scheint hier durch), das melancholische „Kneel And Disconnect“ und „I Drive The Hearse“ („Stupid Dream“ kommt in Erinnerung), „Octane Twisted“ (so klangen sie auf „Signify“) oder „Circle Of Manias“ und „Degree Zero Of Liberty“ (Vertreter von „Deadwing“). Eine Werksschau - Vielfalt in Reinform.

Wie üblich gibt es ein wunderbares, opulentes, zentrales Paradestück („Time Flies“), das von einem entspannten, herrlich ins Ohr gehenden Akustikmotiv (im Stil von „In Absentia“) in dunkle Sphären abdriftet und sich zu einem langen Gitarrensolo aufbäumt, bevor es wieder zum Ursprung zurückkehrt. Klasse ist auch „Drawing A Line“, das in den sehr bedrückten Strophen den Verlust eines Freundes beklagt und im kontrastreichen entschlossenen Refrain einen Schlussstrich unter die Freundschaft zieht. Wenn härtere Riffs in Erscheinung treten, werden die Meshuggah-Einflüsse deutlicher denn je, wie in „Circle Of Manias“. Man könnte hier so vieles erwähnen.

Noch was? Ach ja, die zweite CD. Gab es letztes Mal ein Album und kurz danach eine EP aus den hochkarätigen Resten, so gibt es diesmal quasi eine EP direkt dazu. Die vier unabhängigen Lieder der zweiten CD haben es dabei schwer sich gegen das eigentliche Werk zu behaupten. Sie werden zum Nebenschauplatz, obwohl „Bonnie The Cat“ als auch „Remember Me Lover“ alles Gute vereinigen, was die Engländer ausmacht: präzise Rhythmusarbeit von Gavin „Das Metronom“ Harrison und Colin Edwin, grandiose Soundscapes von Richard Barbieri und den Meister Steven Wilson, der für alles andere verantwortlich ist.

Eine Atmosphäre, die die vorigen Alben durchzogen hat, zeichnet sich hier jedoch nicht ab. Verantwortlich sind die vielen Facetten der ersten CD, die großen Kontraste der Stücke und ihre teilweise Songorientierung, die das 55-minütige Musikstück eher als zusammengesetzt als unterteilt wirken lassen. Bei der zweiten ist das anders. Das ganze Album ist trotz vieler Melodien, der angesprochenen Balance zwischen sanft und hart, irgendwie sperrig und zündet nicht gleich. Aber wie immer ist es faszinierend, authentisch und garantiert Langzeitgenuss bietend.

Anspieltipps:

  • Drawing The Line
  • Octane Twisted
  • Time Flies
  • Circle Of Manias
  • I Drive The Hearse
  • Remember Me Lover

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