Muse - The Resistance - Cover
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Muse The Resistance


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 54 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
8.6/10 Leserwertung Stimme ab!

„The Resistance“ atmet den Glanz und die Dramatik eines „Origin Of Symmetry“ oder „Absolution“ (09/2003).

Wie schon beim letzten Album will uns die Promotion-Abteilung von Warner versichern, dass „The resistance“, das mittlerweile fünfte Werk der ambitionierten Alternative Progrocker Muse, unter der Abstinenz jeglichen Zeitdrucks entstanden ist. Und fürwahr! Zwischen „Black holes and revelations“ (06/2006) liegen fast stolze 3 ½ Jahre, eine Spanne, die sich nur Bands leisten können, die eine vollständige Tour innerhalb von ein paar Minuten zu einer ausverkauften machen, nebenher unzählige Awards einstreifen und deren CD-Absatz stetig (weltweit gingen über acht Millionen Einheiten über den Ladentisch) zunimmt. Das Erfolgsrezept von Matthew Bellamy (Gesang, Gitarre, Piano, Synthesizer), Christopher Wolstenholme (Bass) und Dominic Howard (Schlagzeug, Perkussion) scheint unerschütterlich, obwohl sich das Trio mit ihrer letzten Platte einen groben Schnitzer geleistet und abgesehen von einer groben Erweiterung ihres Klangspektrums kaum ansprechende bzw. uninspirierte Kompositionen abgeliefert hat. „The resistance“ soll das nun wieder ausbügeln, wenn nicht sogar ungeschehen machen.

„Es gibt einige Songs auf dem Album, die ihre Einflüsse aus aktuellen R&B-Produktionen herleiten, besonders von Timbaland – schwere Beats, Synkopierungen, sehr melodische und rhythmische Vocals.“ – Was Stimmenakrobat Bellamy damit meint, wird vor allem im Opener „Uprising“ und bei „Undisclosed desires“ hörbar. Wo allerdings letzterer noch recht gefällig mit gezupften Streichern und einem R&B-Beat kokettiert und sich so den Anspruch als nächste Singleauskoppelung sichert, klaut ersterer ganz ungeniert das surrende Elektro-Sample aus Christina Aguileras „Keeps getting better“ und verharrt danach in starrer Repetition, wodurch „Uprising“ nach zwei Minuten nicht nur nichts mehr zu sagen hat, sondern im direkten Vergleich mit „Take a bow“ (von „Black holes and revelations“) ebenfalls den Zuschlag erhält, wenn es darum geht welcher der beiden Opener der Schlechtere ist. Dann schon lieber „Resistance“, das trotz Einbettung der ruhigen Teilmelodie aus „Citizen erased“ (aus „Origin of symmetry“ (06/2001)) zu Beginn Schlimmes befürchten lässt, aber mit starkem Chorus und der Abkehr von jeglichen Versatzstücken aus früheren Alben zum ersten Highlight zählt.

Da Höhepunkte dieses Jahr aber glücklicherweise keine Mangelware darstellen, darf das zweigeteilte „United states of Eurasia / Collateral damage“ mit Queen-Gedächtnischor, orientalischen Einsprengseln, der gewohnt pathetischen Ausdrucksweise Bellamys und dem wunderschönen Klaviersolo im Anschluss, dem sich still und heimlich ein Streicherensemble untermischt, in vollsten Zügen genossen werden, während „Guiding light“ mit rockigerer Ausrichtung nett, aber unspektakulär bleibt und auch „Unnatural selection“ mit leicht abgewandeltem „New born“-Riff (von „Origin of symmetry“) abgesehen von ein paar Haken nicht viel Nährwert bietet, weil das Stück weder einen richtigen Höhepunkt noch eine wirklich gelungene Dramaturgie aufzuweisen hat. Wieso Muse keinen Song um den 15 Sekunden langen Hardrock-Teil im Schluss gebaut haben, bleibt nach der vorangegangenen, durchwachsenen Vorstellung jedenfalls unbeantwortet. Wiederum ganz okay, aber durch seine forsche Art geradezu erfrischend ist „MK Ultra“ geworden, das zu den lauteren Stücken auf „The resistance“ gehört und mit dominantem Bassspiel Wolstenholmes, Streicher-Loops und kurzen elektronischen Ausbrüchen einen ungezügelten Lichtblick darstellt, obwohl ihm der sukzessive Zweiteiler „I belong to you / Mon coeur s´ouvre a ta voix“ geradewegs die Show stiehlt.

Anfänglich mit Handclaps und treibendem Beat gestaltet, zerfließt die Nummer von bunter und kurzweiliger Varieté-Ästhetik getrieben zur musicalhaften, in französisch gesungenen Liebeserklärung „Mon coeur s´ouvre a ta voix“, welche das Potential Bellamys voll ausschöpft und mit theatralischem Gestus in romantische Verzierungen verfällt, um gegen Ende wieder an Fahrt aufzunehmen und gekonnt den roten Teppich für das wahnwitzige Triptychon „Exogenesis: Symphony Part 1 - 3“ auszurollen, das völlig unbekümmert eine Brücke von der U- zur E-Musik schlägt und mit dem stark einbezogenen 40-Mann Orchester einen eindrucksvollen Schlusspunkt setzt. Hier von Größenwahn, Bombast oder Kitsch zu sprechen wäre sicherlich vermessen, wissen Muse über den Einsatz von klassischer Musik schließlich bestens Bescheid und entzücken den Hörer mit fast 13 Minuten feinstem Pathos wie nur die Engländer ihn hinbekommen.

Ja, „The resistance“ atmet den Glanz und die Dramatik eines „Origin of symmetry“ oder „Absolution“ (09/2003), allerdings ohne deren emotionale Dichte das ganze Album über aufrecht erhalten zu können, was auch daran liegt, dass hinter der Fassade einiger Songs eine geringere Halbwertszeit als bei früheren Veröffentlichungen des Dreiers steckt. Trotzdem hat der fünfte Longplayer von Bellamy & Co. eine enorme Steigerung im Vergleich zum Vorgänger hingelegt und präsentiert sich abgesehen von einigen Wiederholungen und dem fehlenden Feinschliff bei der einen oder anderen Nummer wieder zielstrebig, experimentierfreudig und konsequent in der Umsetzung seiner Ideen (was auch für den stark politisch angehauchten Themenkreis gilt) anstatt alte aufzuwärmen und als neu auszugeben. Denn seien wir mal ehrlich: Wer kauft schon ein altes Paar Schuhe, wenn er ein neues um denselben Preis haben kann?

Anspieltipps:

  • MK Ultra
  • Exogenesis: Symphony Part 1 - 3
  • United States Of Eurasia / Collateral Damage
  • I Belong To You / Mon Coeur S´Ouvre A Ta Voix

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