Jan Garbarek - Dresden - Cover
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Jan Garbarek Dresden


  • Label: ECM Records/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 122 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Pünktlich zum 40-jährigen Bestehen des Labels ECM Records und 40 Jahre nach der ersten CD-Veröffentlichung mit Beteiligung von Jan Garbarek, wird das erste Live-Album von Jan Garbarek überhaupt veröffentlicht. Kurios mag dabei anmuten, dass Garbarek selber immer Live-Aufnahmen ablehnte, da, so Garbarek „die Energie im Live-Kontext eine völlig andere ist, als im Studio“. Bei einem Konzert in Dresden aber, wurde mitgeschnitten und als Garbarek dieses nachher anhörte, war er davon sehr begeistert. Dies führte dazu, dass er zusammen mit Labelchef Manfred Eicher die Produktion der CD gleich selbst mit übernahm.

Garbarek hat in seiner Karriere schon unzählige, schätzungsweise mehr als 80, CDs eingespielt, einige als Solist, andere mit dem Jan Garbarek Quintett oder Garbarek Quartett. Aber auch Veröffentlichungen mit anderen bekannten Jazz-Größen, World Musikern und klassischen Gruppen wie dem Hillard Ensemble (hier sei auf das hervorragende Album „Officium“ hingewiesen) sind seit jeher ein fester Bestandteil in Garbareks Karriere. Auffällig ist dabei, dass der Norweger sich nie um Genrebegrenzungen des Jazz scherte, so mischt er oft nordische Folklore, dann arabische Melodien oder auch Renaissance Musik mit dem Jazz zu spannenden Mischungen.

So auch auf „Dresden“. Die Tour 2007 stand eigentlich unter keinem guten Stern. Die Band, die seit vielen Jahren aus Jan Garbarek (Sax), Rainer Brüninghaus (Keyboard, Klavier), Eberhard Weber (Bass) und Manu Katché (Schlagzeug, gelegentlich von Trilok Gurtu oder Marilyn Mazur vertreten) bestand, musste aufgrund des kurz vor der Tour erlittenen Schlaganfalls Eberhard Webers eine langfristige Umbesetzung vornehmen. An seiner Stelle kam kurzfristig der Brasillianer Yuri Daniel in die Band. Dass diese Umbesetzung der Band und somit auch der CD neue Impulse gab, lässt sich nur bestätigen.

Der erste Silberling wird vom, die Jazzstandards (eine Melodie wird vorgestellt, dann vielfältigen Improvisationen aller Instrumente , oft solo, in Melodie und Rhythmik unterzogen und schließlich wiederholt) in voller Breite auslebend, Song „Paper Nut“ famos eröffnet. Jeder einzelne Solist zeigt hier seine hervorragenden Fertigkeiten, egal ob nun der Bass vor Melodienreichtum übersprudelt oder das Schlagzeug teilweise aberwitzige Rhythmuswechsel vollzieht, hier sitzt jeder Handgriff, ohne das es statisch oder vorgegeben wirkt. Zudem sei erwähnt, dass das Stück von Lakshminarayana Shankar für das u.a. mit Garbarek eingespielte Album „Song for everyone“ komponiert wurde, hier jedoch in einer völlig anderen Version gespielt wird.

Neben diesem Stück befinden sich noch weitere Versionen von anderen Jazzgrößen komponierter Songs, so z.B. „Milagre Dos Peixes“ (Milton Nascimento) oder „Rondo Amoroso“ von Harald Saeverud, neben Edvard Gried dem bekanntesten klassischen Komponisten Norwegens. Letzteres zeigt, dass sich Klassik und Jazz keinesfalls ausschließen. Hörer, die mit beiden Genres nichts anfangen können, sei das Stück wärmstens empfohlen, da es durchaus für beide Genres Appetit machen kann.

Die meisten alten Stücke, vier sind Neukompositionen Garbareks, erschienen erstmals vor 16 Jahren auf der gefeierten „Twelve Moons“. Dabei ist es egal, welches der Lieder man genau analysieren oder sich davon treiben lassen möchte, alle sind einer Frischzellenkur unterzogen worden und zeigen, dass die Garbarek Group nicht zum alten Eisen gehört, sondern sich auch offenen neuen Zuhörern erschließen wird.

Die Solisten, jeder für sich genommen spielen, wie erwähnt hervorragend. Außerdem zeigen sie aber auch mit selbstkomponierten Liedern, die ebenfalls auf dem Silberling zu hören sind, dass diese Fertigkeit bei ihnen ebenfalls sehr ausgeprägt ist. Selten wird man so viel Freude an Basssoli oder Drumsoli gehabt haben, die natürlich keinesfalls mit Solis bei Rockkonzerten zu vergleichen sind. Auch wenn es im Fall dieser durchgehend hochqualitativen Veröffentlichung schwerfällt einzelne Lieder explizit über andere zu stellen, „Nu Bein´“ ist so ein Leckerbissen Was die Gruppe hier aus einer ursprünglich nubischen Melodie macht, ohne ihren Kern zu verändern, zeigt die große Kompositions- und Spielkunst von Garbarek und seiner Band.

Mit „Dresden“ ist ein Album des modernen Improvisations-Jazz Garbarekscher Prägung nun auf den Markt gekommen, das das Zeug zum Klassiker hat. Das Liveflair im Vergleich zu Live-Alben der normalen U-Musik ist hier deutlich zurückgenommen, doch kann man den Produzenten hier nicht negativ anlasten. Man stelle sich vor wie z.B. ein Hamlet-Schauspieler reagieren würde, wenn am Ende eines seiner Monologe Szenenapplaus aufbranden würde.

Anspieltipps:

  • Paper Nut
  • Rondo Amoroso
  • Tao
  • Once I Dreamt A Tree Upside Down
  • Nu Bein´

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