Health - Get Color - Cover
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Health Get Color


  • Label: City Slang/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 33 Minuten
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5.5/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Lärmfetischisten werden über Unzulänglichkeiten hinwegsehen und die Scheibe lieben.

Abgesehen von der wörtlichen Bedeutung von „noise“ für Lärm oder Krach, gibt es für das Genre Noise natürlich noch die musikalische. Als Ableger des Hardcore Punk in den Achtzigern in den USA entstanden, versteckte sich das lärmende Modell ab seiner Niederkunft oft und gerne hinter der Fassade des künstlerischen Anspruchs und der damit einhergehenden musikalischen Freiheiten. Nur wenige Bands erregten mit einer rein puristischen Herangehensweise Aufsehen und der stark verfremdete Umgang mit Songstrukturen stieß nicht überall auf große Gegenliebe. Im 21. Jahrhundert, wo die Genregrenzen meist nur mehr schwer zu ziehen sind, ist Noise für viele Gruppen eine willkommene Zutat, ausgewiesene Vertreter dieser Schublade wie Health aus Los Angeles sind trotzdem weiterhin Mangelware.

Prinzipiell dürfte das auch niemanden verwundern, der nicht gerade Zwölftonmusik zum Frühstück hört und Aphex Twin als Lieblingskünstler verehrt, denn wenn sich ein Album anhört wie ein Crack Junkie, der gleichzeitig auf Speed und LSD ein Ticket für eine Achterbahnfahrt im Spiegelkabinett löst, dann sind konventionelle Hörgewohnheiten schon längst überschritten und die Ohren winseln um Gnade. Dabei muss den vier für diesen wahnwitzigen Trip namens „Get color“ verantwortlichen Herrschaften (Benjamin Jared Miller, Jake Duzsik, John Famiglietti und Jupiter Keyes) attestiert werden, dass ihr zweites Album nach dem selbstbetitelten Debüt von 2007 nach dem ca. achten Durchgang (sofern man diese in den Augen vieler als Qual empfundene Musik solange aushält) durchaus eine gewisse Faszination ausübt, auch wenn die Mehrheit der neun Songs hinter ihren Möglichkeiten bleibt. Schuld daran sind die immer gleichen Effektschleifen, welche zwar ungehalten flirren, surren und vibrieren dürfen, aber gleichzeitig eine unangenehme Monotonie heraufbeschwören, die nicht von den eruptiven Gitarrenriffs gelockert werden kann, da diese meist in dem um sie herum aufgetürmten Noise-Käfig im Zaum gehalten werden.

Da bis auf streckenweise andächtiges Säuseln oder langgezogene Wörter kein Text vorhanden ist, kann selbst hier kein Ausgleich stattfinden und Health vertrauen in ihren fast instrumentalen Stücken auf ihre kompositorischen Fähigkeiten. Dieses Selbstbewusstsein führt zu solch interessanten Klanggebilden wie der sowohl rockigen als auch elektronischen Nummer „Die slow“, dem von der Grundidee interessanten und doch im Teufelskreis der Eintönigkeit gefangenen „Death+“, der verstörenden, aber mit einem derart lässigen Beat ausgestatteten Störeffekt-Kaskade „Eat flesh“ oder „In violet“, dass mit spartanischer Möblierung zwar auf einem ähnlichen Gleis fährt wie die übrigen Stücke, es aber trotzdem schafft durch kleine Gesten den Song in eine gänzlich andere Richtung zu lenken, was nicht nur wegen der ruhigeren Art und Weise geschieht, sondern auch weil der Track einen strukturierten Aufbau besitzt.

Die restlichen Stücke wollen dahingehend meist mit Schreiattacken, abrupten Breaks („Severin“), verzerrten Riffs, rhythmischen Schlagzeugfolgen („Nice girls“), heftigem Gitarrengeschrammel („Before tigers“) oder Postrock- und Rave-Gebärden („We are water“) eindringliche Akzente setzen, scheitern aber meist daran, dass am Ende doch nicht mehr als Lärm dabei herauskommt und eine nachvollziehbare Dramaturgie fehlt. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, was Health auf „Get color“ für eine streckenweise absurde Klangkulisse zu entwerfen wissen. Verwerflich ist daran eigentlich nur, dass die Verweigerung jeglicher Konformität dazu führt, dass sich die Amerikaner mit ihren rausch- und geräuschhaften Gebilden zu sehr in Wiederholungen verstricken und einem eigentlich herzlich egal ist, was da nun aus den Boxen prasselt. Lärmfetischisten werden aber selbst darüber hinwegsehen und die Scheibe lieben.

Anspieltipps:

  • In Violet
  • Eat Flesh
  • Die Slow

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