Port O´Brien - Threadbare - Cover
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Port O´Brien Threadbare


  • Label: City Slang/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 44 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

In den letzten Jahren wurde Independent-Produktionen eine ganz neue Identität gegeben. Plötzlich waren die (meist) ohne jegliche kommerzielle Absichten entstandenen Werke die bessere Popmusik und Bands wie z.B. Clap Your Hands Say Yeah, Arcade Fire oder die Arctic Monkeys wurden durch die neuen Vertriebswege über Myspace, Youtube oder Facebook einem Publikum bekannt, das sie früher ausschließlich in kleinen, verschwitzten Clubs angetroffen hätten. Dass der Terminus „independent“ aber vorrangig „unabhängig“ bedeutet, bekamen die neuen Indie-Fans ziemlich bald zu spüren, als die Nachfolgealben des immer größer werdenden Kreises der Indie-Bands mit teilweise recht offenherzigen Experimenten und eben doch Musik abseits jeglichen Mainstreams vorgelegt wurde. Gott sei Dank möchte man in dieser Situation als liberaler Musikhörer sagen, denn ohne diese Einstellung wäre eine Platte wie „Threadbare“ nicht vorstellbar.

Mit ihrem Debüt „All we could do was sing“, das vorerst nur auf dem amerikanischen Kontinent eine Veröffentlichung fand und letztes Jahr im Juli durch City Slang auch in Europa begutachtet werden konnte, kamen Port O´Brien ebenfalls von vielen Seiten in den Genuss lobender Worte und wollen den ungezwungenen Habitus des Erstlings nun ein weiteres Mal mit „Treadbare“ transportieren, wenn nicht sogar auf ein neues Level hieven. Bereits der Opener „High without the hope 3“ atmet die Seeluft Alaskas, die mit ihren umliegenden Fischkuttern und Konservenfabriken den zwei Hauptverantwortlichen Van Pierszalowski (Gesang, Gitarre) und Cambria Goodwin (Gesang, Banjo, Keyboard, Mandoline) viele Vorlagen für kleine Geschichten aus dem Alltag dienen, welche in eine sanftmütige Klangkulisse aus Broken Social Scene, Arcade Fire oder The Decemberists gekleidet werden und eine gewisse Ähnlichkeit zum Überraschungswerk „A mouthful“ (04/2009) des französischen Duos The Dø aufweisen.

„We definitely want to make a more intimate record“ als Prämisse zählt im Entstehungsprozess genauso dazu wie sich anschließend in einem Wohnzimmerstudio eines Freundes in San Francisco einzuquartieren und erste Songs („Love me through“, „(((Darkness visible)))“) aufzunehmen, während ein weiterer Teil der Stücke auf „Threadbare“ in Los Angeles entstanden ist, wo Port O´Brien das Gegenmodell aufziehen und der kuscheligen Atmosphäre einen Riegel vorschieben und mit behutsamer Ruppigkeit zu Buche schlagen. Tracks wie „My will is good“, „Oslo campfire“ oder das großartige „Calm me down“ kommen mit ihrer sowohl wehmütigeren, als auch kratzigeren Ausgangslage, aber deutlich kompakter und in sich geschlossener rüber als die intimeren Momente, die meist als bruchstückhafte Fragmente aus den Boxen perlen. Schon beim ersten Mal strahlen diese Songs eine bezaubernde Einfachheit aus, die wie eine versöhnliche Umarmung oder der „Ich weiß wie du dich fühlst“-Klaps auf den Rücken Wunder bewirken können.

Unterm Strich betrachtet ist diese Ambivalenz zwar äußerst förderlich für die Reibung und den Antrieb der Platte, aber in den meisten Fällen führt es meistens dazu, dass die lauteren Nummern ihrer ausgeprägteren Melodien und Dynamik wegen stärker wahrgenommen werden als die leicht auszumachenden Wohnzimmer-Aufnahmen, was „Threadbare“ (wie in seiner wortwörtlichen Übersetzung) ein wenig zerschlissen wirken lässt. Davon sollte man sich aber keinesfalls abschrecken lassen, denn gerade die hervorstechenden Songs „My will is good“, „Oslo campfire“ und allem voran „Calm me down“ sind von solch einer schillernden Eleganz umgeben, dass die schwächeren Nummern getrost in Kauf genommen werden können. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass Port O´Brien vorrangig eine Indie Folkband sind, wo solche Unreinheiten an der Tagesordnung stehen können. Gott sei dank!

Anspieltipps:

  • Tree Bones
  • Oslo Campfire
  • Calm Me Down
  • My Will Is Good

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