Sylvan - Force Of Gravity - Cover
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Sylvan Force Of Gravity


  • Label: Baukausten/Rough Trade
  • Laufzeit: 69 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Jeder Massenpunkt zieht jeden anderen Massenpunkt an. Mögen die Massenpunkte noch so unterschiedlich sein, besitzen sie eine Anziehungskraft zueinander. Die Band, die sich nach dem Waldgott Silvanus benannt hat, liefert ihr siebtes Studioalbum ab, das genau diese Eigenschaft aufweist. Nach einem Konzeptalbum, das sowohl Hörer als auch Kritiker begeistert hat, einem Art-Pop-Album, welches sehr überrascht hat, folgt nun die wohl vielfältigste Musiksammlung in ihrer Karriere. Sie knüpfen an das „X-Rayed“-Album an, diesmal aber noch konsequenter und um neue Elemente bereichert. Den Titel „Force Of Gravity“ hat sich bestimmt der Sänger Marco Glühmann ausgedacht. Als promovierter Physiker fühlt er sich den elementaren Gesetzen des Universums verpflichtet.

Das Motiv der Achterbahn auf dem Cover passt hervorragend zu den von Lied zu Lied stark wechselnden musikalischen Themen und Emotionen – eine wahre Achterbahn der Gefühle. Der Einstieg in die neue Musik ist sehr abrupt. Sofort sind wir mittendrin, umgeben von viel Pathos und puren Emotionen aus der Kehle von Marco. Dann ein Umschwung zu rockigen Gefilden, die bis zum Prog-Metal reichen („Folllow Me“). Nach dem Ausstieg des einen der Söhl-Brüder, hat sich der neue Gitarrist Jan Petersen gut eingelebt und zeigt gleich seinen Einfluss durch härtere Gitarreneinlagen. Beim nächsten „Isle In Me“ wird es wieder ruhig, die erste Ballade. Gefolgt von einer poppigen Nummer, die auch auf Presets hätte landen können („Embedded“). Im Anschluss ein teilweise disharmonisches Musikstück mit einigen plötzlichen Umschwüngen („Turn Of The Tide“). Sogar ein richtiger Ohrwurmkracher mit Hitpotenzial ist vorhanden, der zum Ende einiges an Bombast auffährt („From The Silence“). Des Weiteren ein elektronisch angehauchtes Duett mit Miriam Shell, das von Streichern untermalt wird („Midnight Sun“) oder eine simplere, rockig stampfende, fast schon punkige Nummer („God Of Rubbish“).

Nach jedem Lied folgt mindestens eine 90-Grad-Wende, wobei jedes auf seine eigene Art und Weise besticht! Zum Schluss ein klassisches, langes (14 Min!) Prog-Rock-Prunkstück („Vapour Trail“). Düsterer als der Rest erzählt es vom eigenen Leben, das am inneren Auge vorbeizieht, kurz bevor man stirbt. Der Protagonist liegt im OP und kämpft im Mittelteil um sein Leben, bevor er wieder auf den Flug der Erinnerungen geht. Erinnerungen, die schnell verblassen, wie die Kondensstreifen eines Flugzeugs. Sylvan äußern außerdem Kritik an der Finanzwelt und an der Musikbranche der schnellen Hits. Sie umschreiben die erlebten Emotionen der romantischen Kunst von Caspar David Friedrich, erzählen von Menschen, die sich Freunde im Fernsehen suchen (Sitcoms gucken) statt wahre Freunde zu pflegen. Ein weiteres Thema ist der Wechsel der Gezeiten, der mit dem Auf und Ab des Lebens verglichen wird, wobei sich schöne Momente mit chaotischen abwechseln und die Disharmonien im Leben zeigen. Welche der Texte zu welchen Liedern gehören müsst ihr aber selbst raus finden, sonst macht alles nur halb so viel Spaß.

Die Arrangements sind zu keinem Augenblick überladen, auch wenn manchmal, was für Sylvan nicht untypisch ist, etwas viel Pathos und Bombast aufgefahren wird. Besonders der Titeltrack fällt hier auf, bei dem Marco etwas übertreibt mit seinem leidvollen Gesang. Die beiden poppigeren Lieder sind nicht so zwingend, aber konsequent in der Abbildung aller Möglichkeiten dieser Band. Im Endeffekt sind das aber nur kleine Kritikpunkte an einem wirklich tollen Werk. Die Gravitationskraft ist das Element, das alles zusammenhält. Doch was macht diese Kraft aus? Ist es der typische Sylvansound, die Mischung aus neoprogressivem Rock und neuem Artrock? Nicht nur, denn auf dieser Platte erkennt man den Unterschied zwischen einfachen Musikern und wahren Künstlern. Wenn alles durchdacht ist, von den vielseitigen Kompositionen, über eine perfekt passende textliche Schicht bis zur Gestaltung des Booklets, dann wird man der musikalischen Anziehungskraft dieser Hamburger Ausnahmeband nicht mehr entkommen.

Anspieltipps:

  • Isle In Me
  • Turn Of The Tide
  • From The Silence
  • Vapour Trail

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