Marybell Katastrophy - The More - Cover
Große Ansicht

Marybell Katastrophy The More


  • Label: Pony Records
  • Laufzeit: 47 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Schon mal von Marie Höilund gehört? Nein? Auch egal! Auch wenn sie eines der Mitglieder der Noise-Pop-Rock-Band Tiger Tunes war, ist ihr neues Projekt an der Seite von Emil Thomsen einen ganzen Schritt weiter weg von der Masse und doch Liebling eben dieser im Heimatland Dänemark. Auch Kritiker haben sich in die verrückten Soundlandschaften des Duos verliebt und loben sie in höchsten Tönen. Das ist doch schon eine Einladung, das südliche Nachbarland zu erobern. Noch touren sie artig durch andere Länder Europas und so muss der Silberling als Appetitmacher herhalten. Aber wie abgespaced sind die zwei Dänen, dass man sie schon wieder der großen Hörerschaft vorsetzen kann?

Ziemlich, schreit das Album von der ersten Sekunde an. Der „Knight Song“ ist anscheinend direkt einem Gameboy entnommen. Keine Hooklines, lange Töne im Gesang und dazu noch viele Lagen und Doppler. Björk war hier Vorbild und wurde beinahe getoppt. Hier wird am Rad gedreht, was das Zeug hält, wenngleich auf den zweiten Blick die Struktur offensichtlich durchscheint, aber das tut sie bei Islands Musikexport #1 ja auch. Elektrofans werden ihre helle Freude am Opener haben. „Slabiak“ hingegen hebt sich das abgehobene Element für die letzten 45 Sekunden auf und benimmt sich davor ordentlich und geradlinig, damit Alternativ- und Dance-Fans leichter ihren Spaß haben. Ein „Whiteboard“ hingegen erinnert wieder, dass Marybell Katastrophy so klingen, wie man es von den Gorillaz erwarten würde, wenn sie weg vom Hip-Hop, hin zum Art-Gesang gehen würden.

Die erste Nummer, die klar an Schizophrenie leidet, ist „Hidden Agenda“, welches Art-Elektro-Pop vom Feinsten in den Strophen darstellt, nur um im Chorus – bis auf einiges Elektrogequietsche im Hintergrund – wie ein Chartsong zu klingen. Langweilig wird einem hier bestimmt nicht. Viel zu abgedreht klingen Klangexperimente wie „Lost Ships“, die teilweise am Rand des künstlerischen, kurz vom Aneinanderreihen von Samplern ist. Jedoch sind die Lieder flexibel und bleiben nie stehen, was ihnen einen hohen Grad an Lebendigkeit verschafft. Nur selten wirken die Tracks zu lang oder langweilen den Hörer. Mit zunehmender Spielzeit kommt der Vergleich mit den Gorillaz immer mehr zum Vorschein, wird plausibler.

Aber hier steht natürlich Elektronik im Vordergrund und so heißt hier die Frontvorlage nicht Damon Albarn, sondern Björk. Meist verlieren sich die Lieder nämlich nicht in Hooklines, sondern ausschweifenden Tonexplosionen. Selten ist ein Track so aufgebaut, dass er im Ohr hängen bleibt, wie das psychedelische „Hip“, welches von Piano auf Crack und genial brachialem Refrain getragen wird. So anstrengend und herausfordernd nahezu jeder einzelne Song ist. Für solche Momente lässt man die Birne gerne mal ein wenig glühen. Nach einer guten halben Stunde wird es dann Zeit auch noch mal ruhigere Töne regieren zu lassen. „His Desperate Voice“ ist irgendwie zwischen „Rid“ von Joycehotel und Imogen Heaps „Hide And Seek“. Auch „Hey Frank“ gibt sich eher ruhig und konventionell. Daran ändert auch das Klangcrescendo im Chorus nichts.

Das etwas überlange Ende liefert dann „Good Old Germany“. Hach, Marie weiß nun mal, dass wir uns immer über solche Titel freuen. Es passiert zwar nichts in diesem Lied und mit Deutschland hat es auch wenig am Hut. Als Abschlusshymne und endgültiger Beweis, dass Marie und Damon musikalisch liiert sind (und Emil natürlich auch), ist gegeben. Wer auf abgedrehte Soundfetzen und viel Elektronik, so wie lange Töne versessen ist, der sei herzlich eingeladen, sich dieses Tonkonstrukt näher anzuhören. Ob dies jetzt der ganz große Wurf ist, ist schwer auszumachen, denn entweder sind die Dänen mir einen Schritt voraus oder es fehlt tatsächlich noch der letzte Funken. Atmosphäre und Ambiente suchen noch die Symbiose mit der Liedstruktur. Wenn das gelingt und ein Good Old Germany noch eine echte Strophe bekommt, hat Dänemark ein Musikmonster erschaffen!

Anspieltipps:

  • Knight Song
  • Hip
  • Good Old Germany

Neue Kritiken im Genre „Electro“
Diskutiere über „Marybell Katastrophy“
comments powered by Disqus