Tokio Hotel - Humanoid - Cover
Große Ansicht

Tokio Hotel Humanoid


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 45 Minuten
Artikel teilen:
1/10 Unsere Wertung Legende
4.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein schwachbrüstiges Pop-Potpourri anzubieten, ist in allen Bereichen gnadenlos.

Gibt es eigentlich noch irgendetwas über Tokio Hotel zu sagen, was in den letzten Jahren noch nicht gesagt wurde? Fakten oder neue Erkenntnisse über Bill (Gesang), Tom (Gitarre), Georg (Bass) und Gustav (Schlagzeug), abseits von „Nr.1-Chartplatzierungen, Auszeichnungen mit Gold-, Platin- und Doppelplatin-Awards, ausverkauften Tourneen, Medien- und Musikpreisen wie u.a. Bambi, Echo sowie Radio-Ehrungen wie die Eins Live Krone als „Bester Live Act“ oder dem World Music Award als „Worlds Best Selling German Band Of The Year“, die uns schon der Pressetext zum zweiten Album „Zimmer 483“ (02/2007) unter die Nase gerieben hatte? Okay, an dieser Stelle könnte jetzt eine Sammlung von mehr oder weniger peinlichen Jugend- oder Popularitätssünden folgen, die meist im Zusammenhang mit Groupies, Alkohol oder Drogen stehen, aber auf was der ehrenwerte Rezensent hinaus will, ist schlicht und ergreifend: Tokio Hotel sind keine Teenies mehr!

Für eine Band, die bei Veröffentlichung ihres Debüts („Schrei“ (09/2005)) ein Durchschnittalter unter der Volljährigkeitsgrenze aufweisen und unbeschreiblich großen Erfolg sowohl im deutschsprachigen Raum als auch international (als auf Deutsch singende Truppe in Frankreich bis auf Platz 12 zu klettern, ist schon ein verdammt großes Stück) verbuchen konnte, kommt eben irgendwann der Punkt, wo sie beweisen muss, dass die Scharen von kreischenden, in Ohnmacht fallenden Teenies nicht nur eine temporäre Erscheinung waren, sondern durchaus ihre Berechtigung hatten. Außerdem betreten Bill & Co. mit der neuesten Platte „Humanoid“ das Ende ihrer jugendlichen Schonfrist und werden nun nicht mehr als die netten, singenden und Instrumente spielenden Burschen aus Magdeburg und Umgebung angesehen, die einen unvergleichlichen Hype um ihre Person entfachen konnten, sondern müssen sich als ernstzunehmende Band etablieren, sofern sie nicht weiterhin die Posterboys der Bravo-Generation bleiben wollen, für die die Produktion gehaltvoller Musik eher nebensächlicher Natur ist.

Dafür spricht schon mal die gleichzeitige Veröffentlichung von „Humanoid“ als Version in Englisch und Deutsch, denn selbst wenn das Gegenargument gebracht werden kann, Tokio Hotel würden damit extrem offensichtlich auf den amerikanischen Markt schielen, wo das Album nur ein paar Tage darauf erscheint, so ist es immerhin eine Verbesserung zur bisherigen Politik, jedes halbe Jahr eine neue Fassung mit entweder überarbeiteter Abmischung von Bills Gesang oder erweiterter Tracklist bzw. rundum erneuertem Booklet rauszubringen, der erst im Anschluss ein englisches Pendant folgt. Die Leidtragenden dieser bisher in dieser Form angewendeten Farce sind ohnehin die Fans und sieht man sich die Chartplatzierungen für den neuesten Longplayer aus dem Hause Kaulitz & Co. an, dann könnte behauptet werden, dass die beispiellose Dominanz von Tokio Hotel scheinbar ein Ende hat. Wer die Vorabsingle „Automatisch“ hören dürfte, wird wissen warum.

Selbst wenn „belanglos“ und „plump“ den Song in seinen Grundzügen recht treffend umschreiben dürfte, so ist dieser erste Vorbote nach zweijähriger Abstinenz vor allem eins: Paradigmatisch für den Rest der Platte, der ähnlich einfallslos und bar jeder eigenen Ideen seelenlos aus den Boxen plätschert. Sei es nun der unangebrachte, redundante Einsatz des Autotune-Effekts, das klägliche Japsen von Bill oder die aalglatte Produktion, die sämtliche Reibung aus der Nummer verbannt hat, „Automatisch“ bzw. „Humanoid“ ist nicht einfach eine Weiterführung von „Schrei“ und „Zimmer 483“, die achselzuckend beiseite gelegt werden kann. „Humanoid“ ist eine einzige Frechheit und eine Schande für alles, was die vier Jungs bislang zu Tage gefördert haben. Hinzu kommt noch, dass viele Songs, in denen Bill in tiefere Regionen seines Registers vordringt, klingt als würde er, kurz bevor er aus dem Leben scheidet, mit letzter Kraft noch den Text aus seinen Lungen röcheln wollen. Wenn hier am Computer nicht mehr schlecht als recht gepfuscht wurde, dann sollte sich Herr Kaulitz bald mal zum Doktor begeben, denn gesund hört sich diese Kehlkopfentzündung ganz und gar nicht an!

Wie dem auch sei, besonders schlimm daran ist die Tatsache, das Tokio Hotel zwar viel Geld in externe Songschreiber wie The Matrix (Avril Lavigne, Shakira, Ashley Tisdale, Hilary Duff), Guy Chambers (Robbie Williams, Bryan Adams, Tina Turner) oder Desmond Child (Aerosmith, Bon Jovi, Kiss, The Rasmus) gesteckt haben, aber dann nach Fertigstellung der Platte scheinbar nicht in der Lage waren einen dermaßen gravierenden Makel zu bemerken oder auszubügeln. Doch Moment! Wird ein Blick auf die Texte geworfen, so ist selbst dieser Punkt eine einzige Schande, denn bei Kinderkanal-Lyrik wie „Hallo Raumschiffkapitän, hallo, haben sie das gesehen“ („Sonnensystem“) oder „Du suchst nach mir, ich such nach dir“ („Menschen suchen Menschen“) bzw. poetischen Zwangsbeglückungen, bei denen „auf“ auf „lauf“ oder „Blut“ auf „gut“ gereimt werden, stellt sich recht schnell die Frage, ob sich Tokio Hotel nicht zurück- statt weiterentwickelt haben. Alles halb so schlimm dürften hartgesottene Musikhörer nun sagen, aber weit gefehlt! Die musikalische Bandbreite, die „Humanoid“ zu bieten hat, besteht nicht nur aus heiterem Zitateraten, sondern ist noch dazu so frech und zusammenhanglos geklaut, dass Scooters letzte Scheibe „Under the radar over the top“ (10/2009) dagegen ein wahrer Ohrenschmaus ist.

Da wären unter anderem „Komm“ als x-beliebiger Stadionpop mit mehrstimmig gesungenem Refrain, „Sonnensystem“ mit kurzer Reminiszenz an Heaven Shall Burns Eröffnungslied „Awoken“ von deren letzter Scheibe „Iconoclast: Part I“ (01/2008), nur dass Bill, Tom, Georg und Gustav nicht in Death Metal-Gefilde ausbrechen, sondern nebst pumpenden Electrobeats versuchen Miley Cyrus & Co. den Rang im Belanglos-Pop abzulaufen, „Kampf der Liebe“ im Rammstein-Light-Gewand, ausgelutschte Nu-Metal-Riffs, die den sich im Kreis drehenden Titeltrack wohl künstlich aufbauschen sollen und das schamlos verheizte Sample aus New Orders Wave Pop-Hit „Blue monday“ aus den 80ern („Hunde“). Sorry, meine Herren, aber so geht es nun wirklich nicht. Austauschbaren Rock für Teenager zu machen, ist eine Sache, aber ein schwachbrüstiges Pop-Potpourri der letzten 25 Jahre anzubieten und das dann in allen Bereichen gnadenlos an die Wand zu fahren, tut einfach nur weh. Aber es hat ja auch niemand gesagt, dass Erwachsenwerden einfach sein würde.

Anspieltipps:

  • Zoom
  • Für immer jetzt

Neue Kritiken im Genre „Pop/Rock“
7.5/10

Colors
  • 2017    
Diskutiere über „Tokio Hotel“
comments powered by Disqus