Jamie Cullum - The Pursuit - Cover
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Jamie Cullum The Pursuit


  • Label: Verve/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Götter sollten Jamie Cullum mit Wohlwollen vernommen haben.

Einst war es der junge Held Jamie Cullum, der da in alle Clubs der Herren Länder auszog, sein Talent zu beweisen. Wohl wahr: die alten Legenden, wie seine wackeren Mitstreiter seiner Generation waren angetan von des jungen Mannes Kunst, doch Coverversionen und uninspirierter Pop waren mehr Handwerk als Kunst und so ward dem jungen Sterblichen der Weg zum Entertainer-Olymp versagt. Gute vier Jahre zog Cullum mit seiner erfolgreichen und doch nicht vollendeten Musik umher und war Inspiration für nicht wenige junge Menschen, ganz zu schweigen von all den musikbegeisterten Herzen, die er erweichen konnte. Was brodelte in diesem Mann, dass er nicht eher ein neues Werk herausbrachte, um sich ein weiteres Mal am Oymp zu versuchen. Die andere Aufgabe, die Stimulierung des öffentlichen Hörnervs, war ihm doch ein Leichtes.

So oder so ähnlich könnte ein Buchklappentext über „The Pursuit“, Cullums neues Werk, klingen. Der Titel passt auch, denn allem Anschein strebt der Jazzmusiker danach, sich so wiedergeben zu können, wie sein Talent es ihm ermöglicht. Sein letztes Album „Catching Tales“ war einfach eine Spur zu einfallslos und zu verbraucht und ganz und gar nicht das, was man sich von diesem Talent erwartete. Oder zumindest nur in Ansätzen. Jetzt soll alles besser werden. Ganz allein traut sich der Musiker aber doch noch nicht aufs Parkett und so muss eine Coverversion den Anfang machen. Cole Porters „Just One Of Those Things“ wird hier erstklassig inszeniert und die Spielfreude ist gleich zu hören. So meldet man sich zurück – auch wenn ein eigener Track vielleicht mehr Selbstvertrauen ausgestrahlt hätte. Blendet man diesen Fakt jedoch auch, dann lässt es das Ensemble so richtig krachen, während Jamie in die Tasten haut und mit seiner kompatiblen Stimme jeden Hörer aus der warmen Decke lockt.

Danach wird es gleich viel poppiger und irgendwie – ja – es passt noch einen Tick besser zu Jamie. Diese Leichtigkeit, die aber nicht zu Oberflächlichkeit werden darf. Wird sie in „I’m All Over It“ auf jeden Fall nicht. Da ist gute Laune mit Chor und prägnantem, nicht zu leichtem Pianospiel angesagt. Eine Optimistennummer zum Mitsingen. Das ist sowieso die Richtung, die wir von Mr. Cullum gewohnt sind. So ist es auch mit „Wheels“, das jedoch seichter wirkt und eher von seiner Leichtfüßigkeit im Klang lebt. Das ist zwar nicht schlecht, aber auch nicht so langlebig wie der Vortrack. Das Album kann aber nicht nur schnell und farbenfroh. Es geht auch melancholisch und nachdenklich zur Sache. Ein ganz großer Matchpoint ist hier bei „If I Ruled The World“ gelungen. Die Akkorde des Pianos treffen einen sofort ins Mark und Jamie schafft es, sich gut in die Atmosphäre einzubringen. Seine Stimme ist vielleicht nicht die ausdrucksstärkste, doch sein Gefühl für den Jazz ist es schließlich, was ihn zu so einem Talent macht.

Bevor dann wieder Wein für die Massen in Form von Rihannas „Don’t Stop The Music“ ertönt, darf noch das mit interessanten Percussions versehene und durchaus lebendig verrückte „You And Me Are Gone“ auftrumpfen. Das ist die Abwechslung, die wir uns auf der letzten Platte schon gewünscht haben. Es stimmt einfach vieles mehr auf dieser Platte und da ist auch die Eigenkomposition „Love Ain’t Gonna Let You Down“, die als Ballade natürlich besonders wichtig im Konzept ist, kein Ausnahme. Da ist zu verschmerzen, dass „Mixtape“ wieder kürzere Haltbarkeit vorzuweisen hat. „I Think, I Love“ bringt dann wieder das, wofür Frauen Jazz lieben. Liebe in allen Farben, die das Piano herzugeben hat. Es ist, als würde jede einzelne Taste zumindest einmal schmachten dürfen. Ja, ja. Ein Schelm, der hierbei berechnend denkt. Bevor es heißt, dass die schnellen Nummern abgeschafft werden sollen – also die Pop-Nummern – belehrt „We Run Things“ den Hörer eines Besseren und schafft es mit einem Mindestanteil von Jazz für maximale Begeisterung zu sorgen. Denn wenn der Jazz dann zum Zug kommt, trifft es umso genauer auf den Punkt. Skat, Pop, ein wenig Rhythm’n’Blues sorgen für einen heißblütigen Mix, der nicht nach hinten losgeht, sondern die Freiheit dieses Albums unterstreicht.

Den famosen Abschluss liefert dann das beinahe expressionistische „Music Is Through“, das sich zwischen Elektro-Pop, Freestyle-Jazz und einer großen Portion Pathos nicht ganz entscheiden kann. Diese Offenheit ist es allerdings, die Cullum einen guten Schritt näher an den Olymp bringt. Für diesen letzten Akt möchte man ihn schon beinahe dorthin tragen, doch langsam wachsen Legenden und wenn das nächste Album noch besser Pop und Jazz zu einen vermag, dann ist vielleicht wirklich eine neue Legende geboren. Die Götter sollten ihn allerdings jetzt schon mit Wohlwollen vernommen haben. Das Streben war nicht vergebens für Jamie und auch für den Hörer wird es dies nicht sein.

Anspieltipps:

  • Just One Of Those Things
  • If I Ruled The World
  • Music Is Through

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