Sido - Aggro Berlin - Cover
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Sido Aggro Berlin


  • Label: Urban/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 70 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Ex-Aggro-Berlin-Aushängeschild ist von der Häutung der Deutschrapszene nicht betroffen, da bei ihm eine Entwicklung stattfand, durch die er sich positiv von der Masse abhob.

Das Label Aggro Berlin ist am Ende und wurde am 1. April 2009 liquidiert. Das war für die vielen Aggro-Jünger gewiss ein schwerer Schlag, doch das plötzliche Verschwinden des einstigen Kult-Labels löste auch eine Selbstreinigung der deutschen HipHop/Rap-Szene aus, die schon lange bitter nötig war. Das Ziel: Am Ende werden nur die Besten Acts überleben und der Rattenschwanz unnötig gesignter Rapper vollkommen zu Recht in der Versenkung verschwinden.

Ex-Aggro-Berlin-Aushängeschild Sido (29) ist von der Häutung der Deutschrapszene nicht betroffen, da bei ihm eine eindeutige Entwicklung stattfand, durch die er sich positiv von der Masse abhob. Inzwischen steht Sido fast allein auf weiter Flur, wenn es darum geht, dass Deutschrap Relevanz besitzt. Die kindische Maske ist weg (in den Schrank gesperrt, wie das Intro verrät), das Image bis auf kleinere Ausrutscher (Fahren ohne Führerschein) renoviert und das Textniveau wurde von Album zu Album gesteigert. Darauf lässt sich beruhigt aufbauen, wenn mit „Aggro Berlin“ nun das vierte Studioalbum des Berliners in die Läden kommt.

Auf „Aggro Berlin“ sorgen u.a. Beatzarre, Djorkaeff und DJ Desue für durchweg gelungene Beats, als Gäste treten u.a. J-Luv, Samy Deluxe, G-Hot, Die Sekte, K.I.Z., Die Sekte, Alpa Gun, Doreen sowie B-Tight auf und die vier Skits plus das Outro stammen vom keinem Geringern als dem Berliner Kult-Komiker Kurt Krömer („Na du alte Kackbratze“). Das sorgt für perfekte Rahmenbedingungen, um für 70 Minuten in die Welt des Rappers aus dem Wedding einzutauchen. Und dieser Trip lohnt sich!

Neben fett pumpenden Beat-Gewittern („Sido“, „Für jeden“, „Seniorenstatus“, „10 Jahre“) ist es eine Freude mit anzuhören, dass Sido sich musikalisch nicht limitiert und in alle Richtungen experimentiert („Sie bleibt“, „Marie & Jana“, „Ruf mich“). So brennt sich die erste Singleauskopplung „Hey Du!” mit einem Sample aus der Feder von Film-, Theater- und TV-Komponist Birger Heymann („Ein Fall für Zwei“, „Tatort“) aus dem Song „Du bist schön, auch wenn du weinst (Marias Lied)“ vom „Linie 1“-Soundtrack (1988) sofort ins Ohr – und in die Charts. Auch ganz groß ist – wie immer – der Humor von Sido. Stellvertretend dafür stehen Titel wie „Marie & Jana“ als grandios-augenzwinkernde Sportzigarettenhymne im Reggae-Stil und „Schlampen von gestern“ als entzückend „andersartige Liebesballade“, die zum Top-10-Hit taugen würde, wäre da nicht der Text, der eine Auskopplung verhindert.

Mit „Aggro Berlin“ gelingt Sido nicht nur ein rundum feines Album, sondern die endgültige Abnabelung von der Straßenrapära der späten 90er Jahre. Der Berliner ist endgültig in der Popmusik angekommen ohne seine Identität zu verleugnen. Das mögen die Fans seiner ganz frühen Royal-Bunker-Phase vielleicht nicht nachvollziehen können, aber so ist nun mal der Lauf der Dinge. Sido bleibt in seiner Entwicklung nicht stehen und stellt eine absolute Belebung des siechenden Deutschrap dar – oder frei nach Kurt Krömer: „Wenn et nicht richtig läuft in dieser verkackten Scheißwelt, machste dit Album an und denn läuft et!“

Anspieltipps:

  • Sicher?
  • Hey du
  • Ruf mich
  • Sie bleibt
  • Marie & Jana
  • Seniorenstatus
  • Wenn das alles ist
  • Schlampen von gestern

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