30 Seconds To Mars - This Is War - Cover
Große Ansicht

30 Seconds To Mars This Is War


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 61 Minuten
Artikel teilen:
3.5/10 Unsere Wertung Legende
7.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine Versöhnung mit ihrer Plattenfirma dürfte nach dieser kapitalen Niete nicht das Ziel gewesen sein.

Schauspieler und Sänger. Beispiele von Persönlichkeiten, auf denen diese beiden Tätigkeitsfelder zutreffen, gibt es einige. Vor mehreren Dekaden war es für einen Darsteller sogar bei vielen Rollen von Vorteil, wenn er neben überzeugenden Schauspielkünsten noch singen und tanzen konnte. Heutzutage scheint es eher umgekehrt. Rapper wie Eminem, 50 Cent oder Common schnuppern in der Filmbranche das zweite Standbein, das in Zeiten von rückläufigen Plattenverkäufen und illegalen Downloads die eigene Existenz sichern soll. Bei Mime Jared Leto schaut das jedoch alles ein wenig anders aus. Schon zu Beginn seiner Karriere steht er mit Terrence Malick („Der schmale Grat“), David Fincher („Fight club“, „Panic room“) und Darren Aronofsky („Requiem for a dream“) vor der Kamera und macht sich schnell einen Namen in Hollywood, obwohl er anschließend kaum mehr als einen Film pro Jahr dreht. Schließlich hat er seine zweite Beschäftigung als Sänger und Gitarrist bei der mit seinem Bruder Shannon Leto (Schlagzeug, Perkussion) gegründeten Gruppe 30 Seconds To Mars gefunden und will den erfolgreichen, gold- und platinveredelten Siegeszug der bisher erschienen Alben „30 seconds to mars“ (09/2002) und „A beautiful lie“ (10/2005) fortsetzen und kreierte gemeinsam mit Shannon und Multiinstrumentalist Tomislav Milicevic (Gitarre, Violine, Keyboard) das dritte Opus „This is war“.

Dort herrscht jedoch nicht mehr die wütende Sturm- und Drangattitüde aus Industrialsamples und harten Rockgitarren vor, sondern es wird stets die Nähe zu ausufernden U2 oder Bon Jovi-Kompositionen gesucht, die große Gesten in die Popmusik eingeführt und populär gemacht haben. Das Dreiergespann bündelt also Linkin Park-Riffs, ausufernde Instrumentalpassagen, die etwas an die träumerischen Keyboardflächen eines Angels & Airwaves-Output erinnern, und vor Ballast strotzende Theatralik in ein unentschlossenes Geflecht aus pathosgeschwängerten Rock und hymnischen Post Hardcore-Trotz, das allerdings nicht vorrangig die Härte und Atmosphäre des Vorgängers transportiert, sondern durch inflationären Einsatz von Fan-Chören (neben einem länderübergreifenden Aufruf sich für Aufnahmen derselbigen einzufinden, starteten Leto & Co. auch einen Foto-Wettbewerb, der in 2.000 unterschiedliche Frontcover-Artworks mit den Konterfeis der Einsender mündete – Eindrücke davon sind in jedem gut sortierten Musikfachgeschäft zu finden) euphorische Massen in prall gefüllten Stadien vors innere Auge projiziert. Wer jetzt allerdings denkt, dass 30 Seconds To Mars dieses Schema schon auf den zwei Vorgängern strapaziert hätte, der kennt „This is war“ noch nicht.

Schon „Escape“ gibt einen Vorgeschmack auf die folgenden 60 Minuten: Düstere Beschwörungsformeln und unheilvolle Klangflächen wabern durch den Raum, werden von perkussiven Elementen unterfüttert, alles stoppt abrupt, Jared erhebt die Stimme und wird kurz darauf von einem der lautstark hereinbrechenden Fanchöre überrollt. Mit „Night of the hunter“ folgt dann ein ständiges Auf und Ab zwischen Tribal-Drumming, dezenter Elektronik, Letos übereifrigen Gesangskünsten, die nun nicht mehr den Spagat zwischen Over Acting und soliden Rockgebärden meistern, sondern einfach nur mehr auf die Nerven fallen, und einem stark infektiösen Refrain, der auch ohne „Oh oh oh“-Zeile wunderbar mitgegrölt werden hätte können. Eine Schippe legt lediglich die erste Singleauskoppelung „Kings and queens“ drauf, die alles eine Spur präziser und melodiöser ausarbeitet, sodass der Titeltrack mit denselben Zutaten es ausgesprochen schwer hat sich zu behaupten, obwohl der nahtlose Übergang in das spärlich instrumentierte und sehnsuchtsvoll eingesungene „100 suns“ Gänsehaut pur verspricht. Ab diesem Zeitpunkt scheinen 30 Seconds To Mars aber alles gesagt zu haben. „Hurricane“ im Kanye West-Beatgewand stolpert als apokalyptisch-dunkle Ballade kopflos in der Gegend umher, „Vox populi“ dehnt den Einsatz der ohnehin bereits überstrapazierten Fanchöre zu einer breitbeinigen „We will rock you“-Hommage aus und „Alibi“, „Stranger in a strange land“ und das hauptsächlich instrumental gehaltene „L490“ sind mehr oder weniger die gleichen Ideen mit moderat abgeänderten Schwerpunkten aus Elektronik und schmerzverzerrtem Pathos.

Glücklicherweise besinnen sich die Leto-Brüder und Milicevic mit „Closer to the edge“ und „Search & destroy“ doch noch auf den altbewährten Mix aus flotten Rhythmen, Melancholie und einfach gehaltenen Sehnsüchten wie eine stimmige Melodie oder der (im Rahmen befindlichen) jammervollen Darbietung von Jared, sodass diese beiden Songs neben „Kings and queens“ und „100 suns“ die einzigen sind, die einem nach mehrmaligem Durchlauf länger im Gedächtnis haften bleiben, selbst wenn sie auf den Vorgängern eher zur zweiten Liga gehört hätten. Viel bleibt dieser spannungsarmen Vorstellung allerdings nicht hinzuzufügen und würde man es nicht besser wissen, es könnte der Verdacht entstehen 30 Seconds To Mars wollten ihrer Plattenfirma mit „This is war“ nicht nur eine überdeutliche Kampfansage frei Haus liefern, sondern auch ein über weite Strecken anstrengendes und mühsames Pamphlet ihrer Wut entgegenschreien um das bereits angestrebte Vorhaben, nämlich sich von der EMI zu trennen, endgültig in die Tat umzusetzen. Eine Versöhnung dürfte nach dieser kapitalen Niete jedenfalls nicht das Ziel gewesen sein.

Anspieltipps:

  • 100 Suns
  • Kings And Queens
  • Closer To The Edge

Neue Kritiken im Genre „Rock“
6/10

Future Cult Leaders
  • 2019    
Diskutiere über „30 Seconds To Mars“
comments powered by Disqus