Them Crooked Vultures - Them Crooked Vultures - Cover
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Them Crooked Vultures Them Crooked Vultures


  • Label: RCA/Sony Music
  • Laufzeit: 67 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
7.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Start-Ziel-Sieg für die „Supergroup des Jahres“ (sic!). Obwohl die OMG!-Attitüden der weltweiten Blogosphäre ja gerade zu Skepsis nötigten und die litaneiartige Betonung von uns Medien des Status „SUPERGROUP“ viele Mode- und Hype-Resistente, echte Musikliebhaber verschreckte und noch verschrecken, alle unreflektierenden Massengeschmäckler, die auf den Megafestivals zwischen Metallica und Radiohead wenig unterscheiden, aber wie Schmeißfliegen anziehen wird.

Da findet sich nun der zur Legende gewordene Led Zeppelin-Bassist John Paul Jones zusammen mit dem langjährigsten Nirvana-Drummer, der heute eine immer langweiliger werdende Combo namens Foo Fighters sein eigen nennt, Dave Grohl also, ein, um mit Queens Of The Stone Age-Frontmann Josh Homme ein Bandprojekt zu gründen, dass die gesamte Journalistenvogelschar in zwitschernde Aufregung versetzt und einen Erfolgsdruck generiert, der sich schlicht ins lächerliche steigert. Wie kann man also ein Album – welches von zahlreichen Meinungsmachern und etlichen Fanheerscharen zum Album des Jahres gekürt wurde, noch bevor ein einziger Ton daraus bekannt war – tatsächlich zu einem solchen erklären?

Einzig indem die Antwort nicht lautet, weil hier Led Zeppelin-, Foo Fighters- und Queens Of The Stone Age-Prominenz fusioniert und diese Typen so furchtbar unglaublich toll sind, sondern in dem das alles entscheidende künstlerische Endprodukt subjektiver, aber vorurteilsfreier Bewertung unterzogen wird. Und diese – auch wenn der Hype noch so arge Rebellionsreflexe heraufbeschwören möchte – fällt himmelschreiend formidabel aus. Was für ein obszönes, einnehmendes und gleichsam sperrig-komplexes Monster die drei Rock-Promis hier geschaffen haben: Zustände überraschter Beglückung, wie beim Enkelkind, dass in der Spielwarenabteilung von den generösen Großeltern einen freien Wunsch bekommt, vermögen sich bisweilen einzustellen. „Them Crooked Vultures“ ist ein Brocken, zäh, granithart und doch soghaft berauschend. Mehrere Durchgänge empfehlen sich dringend vor Festlegung eines Urteils oder favorisierter Partitionen. Wie ein massiver, übergroßer Transformer, der schwer ins Rollen kommt, aber unaufhaltsam durchschlägt, ist der Motor einmal angesprungen, lautete eine frühe Hörgenussassoziation. Homme besingt es selbst am trefflichsten in „Elephants“: „Like lumbering giants in a shameful parade“.

Und diese schändliche Parade beginnt herrlich trügerisch („Nobody Loves Me & Neither Do I“) mit der für Homme typisch gewordenen verqueren Rhythmik, die andere Gehörganginfusionen zu finden vermag, als der übliche, stampfende Push-Rock. Dazu Grohls geklapper an der Kuhglocke, als hätten die drei nichts als Schabernack bei den Aufnahmen getrieben oder sich eine Rhythmusidee bei den Eagles Of Death Metal geklaut. Hier wird wirklich „by sexy“ gestorben, bevor kurz vor der drei Minutenmarke der Song eine fulminante, heftige Wende erfährt, die charakterisierend für das gesamte Album ist und in der Bass, Schlagzeug und Rasiermesser-Riffs derart derbe in die Fresse prügeln, dass alle Deckung nichts zu helfen vermag. Zwei typische Single-Songs befriedigen anschließend die Massentauglichkeit auf ähnlich catchige Weise, wie seiner Zeit die QOTSA-Single „Little Sister“. Danach beginnt die große mäandernde Reise in die Untiefen der Kreativität dieser drei betuchten Herren. Aber man sollte eine kleine Affinität für diese Art Gefühlsventilierung haben, eine förmliche Einladung bekommt man trotz Hommes beständig hohem Gesang nicht. Wie ein großer, gelungener Versuch Ekstase und Exzess mit Kontrolle und Schaffungswillen zu liieren wirken die Tragflächen dieses eine Spur der Verwüstung hinterlassenden Monsters „Dead And Friends“, „Elephants“, „Bandoliers“ und „Caligulove“.

Fassungslos aber machen vor allem der Dreckskerl-Blues und „Gunman“. Welch irren Bluestanz Hommes Sologitarre und Jones’ Keyboardmelodien hier hinlegen („Scumbag Blues“) entbehrt jeder Beschreibung; überhaupt: John Paul Jones an Bass und Keyboards ist die nötige Prise Salz und Pfeffer, die die beiden harten Jungs Grohl und Homme gebraucht zu haben scheinen. Wie sich da in „Caligulove“ Doors’sches Hammondgeorgel, wenn der verderbte Terminus erlaubt sein darf, in die Gehirnwendungen auf eben genau jene krude Weise bohrt, mit purer Verderbtheit, macht restlos Rock’n’Roll-selig. Und mit „Gunman“ hat Homme mal wieder so ein Riff für die Ewigkeit gefunden, dass es vor ihm nicht gab und nach ihm nicht geben wird und das der Explosionsfunke auf jedem Konzert sein dürfte.

Es gibt keinen schwachen Song auf diesem Album, auch die die normativen Pfade verlassenden, bewussten Ausnahmen „Reptiles“ und „Interludes with Ludes“ nicht. Ob Mark Lanegans Stimme aus dem fernen off auf „Bandoliers“, „Spinning In Daffodils“ und noch ein, zwei anderen Songs erklingt oder geschickte Produktionsmethoden diese Interpretation erwirken ist nicht ganz klar, die liner notes im Booklet geben es nicht her. Unwahrscheinlich ist es nicht, denn dieses Album hier ist inkommensurabel stark.

Anspieltipps:

  • Scumbag Blues
  • Gunman
  • No One Loves Me & Neither Do I
  • Dead End Friends
  • Caligulove
  • Elephants
  • Bandoliers
  • Reptiles

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