Bionic Ghost Kids - Horrorshow - Cover
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Bionic Ghost Kids Horrorshow


  • Label: Gim Records
  • Laufzeit: 43 Minuten
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2/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

2009 gab es einige Genrehochzeiten, die besser nicht stattfinden hätten sollen. Wer jetzt allerdings glaubt, dass wahnwitzige Experimente das ausklingende Jahr verschonen und nur mehr Best Of-Zusammenstellungen und Live-Alben die Musikläden überschwemmen, der hat die Rechnung ohne die Bionic Ghost Kids gemacht. Wie es sich für eine selbstbewusste Truppe gehört, haben auch Christopher Kohl alias Chris Raven (Sänger, bei Jennifer Rostock übrigens als Schlagzeuger tätig) und C.J., The Ghost Kid (Gitarre, Bass, Synthesizer) ein völlig abstruses Konzept hinter ihre Kompositionen gestellt. Darin geht es nicht weniger um einen „genialisch-verrückten Professor und seinen buckligen Lakai als ultimative Gegenspieler der Bionic Ghost Kids, die geheimnisvolle Schönheit Ivy und natürlich Horden düsterer Gestalten, die es zu bekämpfen gilt.“ Klingt erst einmal wie aus der kranken Feder der thrashenden Maskenträger GWAR, hat mit den abgefahrenen Höllentrips der Amis aber nur im Entferntesten zu tun.

Das Duo begrüßt uns nämlich gleich im Intro „Welcome to the horrorshow“ mit ekligem Synthesizer-Gefiepe und sattem Hardcore-Bass. Parallelen zu Deutschlands liebstem Prolo-Technoact Scooter schlagen Raven und C.J. aber erst mit „Poison ivy“, wo nach einem ohrenbetäubenden Screamo Metal-Ausbruch das Stück in Jamba-Sparabo-Dimensionen ausbricht und neben hochgepitchter, weiblicher Stimme den nächsten Klingelton für die Mauli- („Scheisse, ich liebe dich“), Sweety-, Schnuffel- („Ich hab dich lieb“) und wie sie alle heißen-Generation bereit hält. Klingt anfangs noch ganz interessant, entwickelt aber mit jedem weiteren Durchlauf immer stärkeren Brechreiz, da die gegenläufige Mischung aus himmelhoch-jauchzenden Vocals im Refrain und den zu Tode betrübten Screamo-Passagen eher nach einer neuartigen Therapie für Manisch-Depressive klingt, denn nach einem ernst gemeinten Beitrag zur deutschen Popkultur. Würden die Bionic Ghost Kids diesen kontroversen Zugang das restliche Album aufrecht erhalten, könnte wenigstens von einem Album für Geschmackssadisten gesprochen werden, da „Horrorshow“ aber mit jedem weiteren Track an Ecken und Kanten verliert, ist nicht nur traurig, sondern öde.

So dehnt z.B. „Soundtrack for violence“ das Schema hart vs. zart noch einmal auf Prodigy-ähnliche Big Beats aus, während das immer gleiche Geschrei den Song vorantreiben soll, aber nicht mehr erreicht als gehörig auf die Nerven zu gehen. Das dürften sich auch die Geisterkinder gedacht haben und versetzen „Save the last dance“ abgesehen von billigem Eurodance-Beat zusätzlich mit sanfter, femininer Stimme, die sich später erneut für die kitschtriefende Pianoballade „Delusion“ ins Zeug legen darf. Während nun also „Horrorshow“ im Player rotiert und dem gewöhnungsbedürftigen Mix aus Electro und Screamo nach und nach die richtig durchgeknallten Ideen ausgehen, fragt man sich unweigerlich, wen die Bionic Ghost Kids damit eigentlich ansprechen wollen. Für die Metal-Gemeinde ist der dominante Synthesizer-, Techno- und Dance-Anteil viel zu aggressiv in Szene gesetzt (Enter Shikari oder einige japanische Bands haben im Gegensatz dazu die Nase vorn) und das monotone Geschrei Ravens ist sowohl für Metal- als auch Electro-Fans auf Dauer nicht zu ertragen, wobei letztere Fraktion, was den tanzbaren Teil anbelangt, heutzutage ohnehin auf wesentlich bessere und feinsinnigere Kompositionen zurückgreifen kann. Zwei Punkte für den Mut, so etwas zu veröffentlichten, sind schlussendlich aber auf jeden Fall drin.

Anspieltipps:

  • Poison Ivy
  • Buried Alive

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