Charlotte Gainsbourg - Irm - Cover
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Charlotte Gainsbourg Irm


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 42 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Ergebnis, wie gesagt und wen wundert es, kann sich hören lassen.

Eben noch in Lars von Triers neuster Provokation William Dafoes Hoden zertrümmert, überrascht Charlotte Gainsbourg mit dem ohne große Verlautbarungen publizierten Nachfolger ihres französischen Nummer-1-Album „5:55“. Indes, sie bleibt eine Kollaborationstäterin: basierte „5:55“ auf Kompositionen von Air, zeichnet sich für das Songwriting auf „IRM“ einer der herausragendsten Pop-Künstler unserer Zeit verantwortlich, Beck Hansen.

Goldene Palmen und ähnliche Auszeichnungen scheinen dann doch bei jedem Menschen von Druck- und Sinnfragen zu emanzipieren, zumindest scheint Gainsburg im Berufsfeld ihrer Mutter keine Vergleichsangst mehr zu kennen, hingegen bei ihrem übermächtigen Vater schon, wie im Die Zeit-Interview vom August 2009, anlässlich von Triers „Antichrist“, eindringlich offenbart: „…es mir sehr schwer, mich nicht mit meinem Vater zu vergleichen. Ich weiß nicht, warum es da stärker ist, als wenn ich meine Schauspielarbeit mit der meiner Mutter vergleiche. Vielleicht weil Filme auch immer damit zu tun haben, ob man das Glück hat, ein gutes Buch angeboten zu bekommen oder von einem guten Regisseur angerufen zu werden. Musik ist das, was du in dir trägst. Ich schäme mich dafür, dass ich nicht genug Talent habe. Ich nehme gerade ein Album mit Beck auf. Er schreibt die Texte und komponiert die Musik. Seine Emotionen kommen den meinen sehr nahe. Ich brauche das Talent eines anderen, um Musik zu machen.“

Was machen wir jetzt mit diesem Selbstzeugnis? Das ganz gefällige, zarte Geplätscher auf „5:55“: nicht das bei allen Franzosen veranlagt scheinende Chanson-Potential Gainsbourg war es, sondern einfach nur Air! Und nun die sympathische Indie-Kauzigkeit auf „IRM“? Beck, Beck und noch einmal Beck. Das Album ist toll, doch soviel muss eingewendet werden: es ist Gainsbourgs genuine Individualität, sprich ihre biografische Singularität, die ihre musikalische Arbeit derartige Früchte tragen lässt. Wie viele talentierte Menschen mit toller Stimme, die niemand kennt, würden ähnliche Endergebnisse zusammentragen können, könnten sie zur Zusammenarbeit auf Beck Hansen zurückgreifen?

E-Gitarre, Schlagzeug, Bass, Vocals, Synthesizer, Schlagzeug-Programmierung, Piano, akustische Gitarre, Marimba, Keyboard und Bass-Keyboard: alles von Beck. Dazu nicht weniger als 18 weitere Studiomusiker unter der Leitung von Los Angeles’ Ober-„Loser“. De facto ist das ganze hier ein heimliches Beck-Album, eine Auftragsarbeit, eine moderne Pop-Form des dirigierens. Gainsbourgs Empfindsamkeit meets Becks Eklektizismus. Im Promo-Interview bringen beide es auf den Punkt. Beck: „Die schlichte Tatsache, in ihrer Umgebung zu sein und ihre Persönlichkeit zu spüren, beeinflusste mich in der Weise, wie ich die Songs für sie schrieb. Die gesamte Idee war, dass ich ein Sprachrohr sein würde, das umsetzt, was sie fühlt.“ Darauf Charlotte: „Ich wollte nicht das Beck einfach Songs schreibt und mir dann die Lyrics und die Melodien gibt, die ich singe. Ich wollte in den kreativen Prozess involviert sein. Das führte dazu, dass er alles an Ort und Stelle kreierte, während ich dabei war. Er setzte dann die Aufnahmen jeweils abhängig von meiner Reaktion fort und davon, was ich zu sagen hatte.“ Alle mal melden, die jetzt neidisch sind, bitte.

Das Ergebnis, wie gesagt und wen wundert es, kann sich hören lassen. Der Titelsong und die ganz wundervolle Duett-Single „Heaven Can Wait“, zusammen mit „Greenwich Mean Time“ und „Trick Pony“ (auf dem Gainsbourg in Verbindung mit Beck’s trockenem Roots-Blues-Riff fast wie Chan Marshall aka Cat Power aus You Are Free-Zeiten klingt) bezaubern am meisten. „Masters Hand“, „The Collector“ und das Cover „Le Chat Du Café Des Artistes” sollen in ihrer Gefälligkeit aber nicht unerwähnt bleiben.

Charlotte: du bist eine starke Schauspielerin und eine gute Sängerin, aber in dem deine Alben verkauft werden, besetzt du den fiktiven Platz im CD-Verkaufs-Regal, eines biografisch unbedeutenderen, möglicherweise größeren Talents als du eines bist. Jedenfalls so lange deine Musik deshalb gut ist, weil sie maßgeblich von Air oder Beck gebaut wird. Aber ach! Ein nahezu sozialistischer Einwand, den man beim Hören schnell wieder vergisst.

Anspieltipps:

  • Trick Pony
  • Heaven Can Wait
  • IRM
  • Greenwich Mean Time
  • Masters’ Hand

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