frYars - Dark Young Hearts - Cover
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frYars Dark Young Hearts


  • Label: Rykodisc/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Was nützt Genie, wenn es nicht gefordert wird? Im endlosen Äther der Langeweile wird Talent verschwendet und so mancher Pragmatiker würde wohl sich wohl am liebsten Einweisen lassen, wenn man eine Statistik aufstellen würde, die aufzeigt, wie viel Ideen und Potenzial weltweit täglich nicht genutzt werden. Manche Menschen aber haben das Glück, dass sie zum Geburtstag einen Kugelschreiber, eine Gitarre, ein Buch oder ein Computerprogramm geschenkt bekommen oder irgendwie, irgendwann, irgendwo sonst entdecken und erstehen und plötzlich macht es klick!

So erging es Ben Garret im Alter von zarten 16 Jahren. Dank eines Programms wurde der Song „The Ides“ erstellt, welcher eine virtuelle Fangemeinde nach sich zog, die nicht aufhören wollte zu wachsen. Der Geheimtipp spricht sich herum und während Ben weiter an Liedern bastelt und schraubt, melden sich die ersten Interessenten, sodass der Teenager eine Electro-Pop-Größe wie Goldfrapp begleiten durfte. Schon damals warben diverse Labels um die entdeckten Talente des jungen Mannes, doch dieser wurde behutsam aufgezogen von seinem Manager. Ja, solche Menschen soll es noch geben. So ließ sich Ben Zeit bis heute, vier Jahre nach seinen ersten Erfahrungen als kleiner Star.

Wenn man hört, dass der junge Engländer sich autodidaktisch das Musikwissen angeeignet haben soll, runzelt man erst einmal die Stirn. Zu ausgetüftelt wirken die Arrangements, zu zielstrebig, zu detailliert. Paradebeispiel ist eben „The Ides“, eine fleischgewordene Audioversion der fabelhaften Amelié. Verrückt, nicht immer schlüssig und abgedreht geht es hier zu, ohne dass der Faden verloren wird. Der Refrain zum Beispiel ist verboten „catchy“ mit den Synth-Piano-Klängen und den Backvocals. Irgendwo zwischen niedlich und psychedelisch befindet sich dieser Electro-Pop und dort fühlt er sich pudelwohl. Schon der Opener „Jerusalem“ bietet so einen Chorus, während die Strophen sich mysteriös und doch verspielt geben. Wer genau hinhört, kann immer wieder neue Details und Aspekte ausmachen, so linear sich der Verlauf auch anhören mag.

Es geht aber auch ein wenig mehr Richtung Depeche Mode, wenn „Lakehouse“ ernster klingt. Besonders die weit ausschweifende Stimme Garretts hilft, diesen Eindruck zu verstärken. Das ist Art, der sich ein wenig an den Neunzigern orientiert, sich aber frisch aufpoliert gibt. Nicht ganz, was die ersten beiden Stücke hergeben, aber auf jeden Fall mehr als zufrieden stellende Kost. Und Apropos Depeche Mode: Dave Gahan höchstpersönlich ließ sich nicht nehmen, das junge Talent zu unterstützen. In „Visitors“, welches „Lakehouse“ sehr nahe kommt, beweist frYars endgültig, dass er die legitime Nachfolge der alten Wave-Größe zu sein scheint.

Um dem Facettenreichtum der ersten Stücke wieder näher zu kommen, muss Ben natürlich auch beweisen, dass er Brite ist und so sind die Gitarren in „Of March“ mehr als nur brit-typisch. Bei so einer mitreißenden Nummer können viele sogenannte Größen aus England und Skandinavien nur neidisch auf diesen Jüngling schauen. Tanzbare Elektronik trifft auf Brit-Pop mit Gitarreneinschlag und einer guten Portion und Gespür für die Indie-Szene. Der Ausflug in die Brit-Pop-Szene bleibt auch in „A Last Resort“ erhalten, welches mit Akustikgitarre und Gesang der gröbsten Sorte überzeugt. Allerdings fällt dieses Lied doch aus dem Rahmen und kann sich nicht ganz dem Geist des Rests anschließen.

Damit dieses Stück nicht als Fremdkörper wirkt, kommt mit „Novelist’s Wife“ ein weiteres anti-elektronisches Stück zum Vorschein, welches jedoch dank psychedelischer Ader durch und durch im Stile eines Neutral Milk Hotels dafür sorgt, dass man die fehlende Elektronik gerne, nur allzu gerne verzeiht. Dann geht es aber auch schon wieder zurück zur Basis. Quietschende Synthesizer („Ananas Trunk Railway“), bassorientierte Stampfer der Marke Wave („Olive Eyes“) und Sufjan-Stevens’sche Werke („Benedict Arnold“): Es ist wirklich für jedermann etwas dabei! Enden tut das ganze Spektakel nach 50 Minuten mit der superentspannten Hymne „Morning“, welche bei allzu später Stunde gerne die Augen zufallen lässt, im positiven Sinne.

Ben Garrett hat es geschafft sich selbst Musik beizubringen und dadurch anderen gezeigt, dass und wie sehr sie Musik lieben können und wie man sie interpretieren kann. Es ist ein abwechslungsreiches Stück Musik entstanden, das zwar nicht als Meilenstein, aber als sehr positives Bauteil der neueren Wave-Electro-Bewegung gesehen werden kann. frYars ist der fantasievolle Beweis dafür, dass in einem jeden Potenzial steckt, wenn man nur den Willen hat, es zu entdecken und das kleine Quäntchen Glück hat, es dann auch zu finden.

Anspieltipps:

  • Jerusalem
  • Benedict Arnold
  • Novelist’s Wife

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  • 2017    
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