The Dillinger Escape Plan - Option Paralysis - Cover
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The Dillinger Escape Plan Option Paralysis


  • Label: Relapse Records
  • Laufzeit: 41 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Auch mit „Option Paralysis“ weiten The Dillinger Escape Plan ihr Spielfeld aus.

Als 2007 „Ire Works“ von The Dillinger Escape Plan erschien, zeigten sich viele Fans der Band enttäuscht über ihren Werdegang: Noch mehr als auf „Miss Machine“ (2004) zeigte sich zwischen all dem hemmungslosen Geschrei bei Songs wie „Black Bubblegum“ oder „Milk Lizard“ der Hang von Sänger Greg Puciato zu beinahe poppigen Melodien. Plötzlich waren da klar erkennbare Songstrukturen! Wollen DEP ihre Hörerschaft nicht mehr 40 Minuten lang mit übelstem High-Speed-Geknüppel traktieren? Nein, das wollen sie offensichtlich nicht. The Dillinger Escape Plan lassen viele Einflüsse auf ihre Musik wirken und experimentieren dabei z.B. mit elektronischen Elementen („Ire Works“) oder eben einem Schuss Melodie.

Einige kritische Stimmen übersehen dabei vielleicht, dass aus den Bandmitgliedern außerordentlich starke Songschreiber geworden sind, die, wenn sie neues Terrain betreten wollen, den Free Jazz ähnlichen Ansatz einfach nicht mehr verfolgen können und die sich gerade deshalb von anderen Vertretern ähnlicher Musik so stark abheben. Die mal flüssigen, mal abgehackten Übergänge Puciatos vom überbordend energetischen Gebrüll zum kräftigen, markanten und melodischen Gesang, sind zudem zu einem Markenzeichen der Band geworden.

Und schließlich gibt es auch auf der neuesten Veröffentlichung der Band, „Option Paralysis“, wieder genug Platz für rasend schnelle und brutale Angriffe auf die Trommelfelle, bei denen die zackigen, wild um sich schlagenden Saiteninstrumente und ein wie von Sinnen rasendes Schlagzeug scheinbar jede Mauer durchbrechen könnten. Nein, Popmusik machen die Mathcore-Pioniere noch lange nicht, auch wenn „Farewell, Mona Lisa“ mit einem dieser unschlagbaren Refrains ausgestattet ist. Es ist auf jeden Fall der stärkste Opener in der Geschichte der Band: Bei gefühlten einhundert Tempowechseln zeigen Ben Weinmann, Jeff Tuttle (beide Gitarre), Liam Wilson (Bass) und Billy Rymer, der Neue am Schlagzeug, was sie zu leisten im Stande sind und kreieren einen Höllenritt, der den Hörer hin und her schleudert und schließlich zu einem unheimlich intensiven Finale führt. Ein weiterer Höhepunkt ist das sich stetig aufbauende „Widower“, welches lediglich mit einem jazzigen Klavier und Puciatos Gesang beginnt, während sich die restlichen Instrumente nach und nach einfügen, um den Song schließlich in eine Explosion münden zu lassen. Der verstörende und durchgehend ruhige Abschluss „Parasitic Twins“, in welchem ebenfalls Klavier zum Zuge kommt und mit mehrstimmigen Gesang beeindruckt, entlässt den Hörer mit einem beklemmenden Gefühl.

Zwischen diesen Großtaten packt die Band die von ihnen bekannten Brecher („Good Neighbor“, „Crystal Morning“, „Endless Endings“), die sie auch schon mal bis zum Ende durchknüppeln. Die zum Ende des Albums längeren Stücke warten häufig mit einem immer geschickt eingebauten Mid-Tempo-Part auf („Room Full of Eyes“, „I Wouldn't If You Didn't“). Hatte „Ire Works“ zuletzt eine Vielzahl an kurzen Stücken, die mitunter nur knapp eine Minute dauerten und zum nächsten längeren Lied führten, ist „Option Paralysis“ sehr viel konzentrierter, gestraffter und im Songwriting ausgereifter, aber auch insgesamt weniger experimentell.

Minimale Abstriche müssen bei dieser wirklich großartigen Songauswahl dennoch gemacht werden: Da wäre zum Beispiel der Fade Out bei „Gold Teeth on a Bum“, wo DEP erstmals ihr Ding nicht konsequent bis zum Ende durchziehen. Ein oder zwei Songs hätte noch ein bisschen mehr Wiedererkennungswert nicht geschadet. Wer sich jedoch intensiv mit dem Album auseinandersetzt, wird jeden Song mehr als schätzen lernen. Auch mit „Option Paralysis“ weiten The Dillinger Escape Plan ihr Spielfeld aus und fügen ihrem Backkatalog zehn hochqualitative und anspruchsvolle Songs der extremen Art hinzu, nach dessen Hörgenuss man erstmal mit offenem Mund auf seine Musikanlage starrt.

Anspieltipps:

  • Farewell, Mona Lisa
  • Widower
  • I Wouldn't If You Didn't
  • Parasitic Twins

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