Fehlfarben - Glücksmaschinen - Cover
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Fehlfarben Glücksmaschinen


  • Label: Tapete/INDIGO
  • Laufzeit: 34 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
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Die Fehlfarben erweisen uns mit ihrer Nörgelei einen seltsamen Dienst.

„Man wusste doch nie, ob man wirklich Freunde hat / Erst der Freundezähler hat es an den Tag gebracht“ – einem Gesellschaftsskeptiker wie Onkel Hein gehen die Themen auch im Alter nicht aus. Nun also sind Facebook, Myspace, Twitter und die Finanzkrise hinzugekommen, im ewig ambivalenten Spiel der anprangernden Fehlfarben.

Dogmatisch, besserwisserisch, nörgelnd, aber immerhin deutlich Position beziehend (linkspolitisch) und dabei halbwegs integer; mit diesen Konstanten der Fehlfarben wird auch auf „Glücksmaschinen“ nicht gebrochen. Und in Zeiten an denen sogar sensibel geschminkte Distelmeyers auf Solopfaden irgendwas von brennenden Palästen singen, bei halbwegs liquiden Kontoständen, die knietiefe Dispobereiche aus ewig fernen westerwellschen Brillen betrachten, wird man schon fast ein wenig froh, dass da mal wieder die richtigen nörgeln. Tatsächlich 30 Jahre ist es inzwischen her, jenes in Stein gemeißelte, unübergehbare Debüt deutschsprachiger Rockmusik mit inhaltlichem Anspruch: „Monarchie und Alltag“ und sein neuer deutscher Dauerwellenhit „Ein Jahr (es geht voran)“. Mutete Peter Heins verbales zündeln damals noch aggressiv und jugendbeeinflussend an, trifft 3 Dekaden später die Attributgebung eines Kollegen den Nagel auf den Kopf: „onkelig“ ist Peter Hein und seine Gesellschaftskritik geworden; in der Sache richtig, aber zu unbeweglich und nicht anpassungsfähig gegenüber der alten Spielverderberin namens Zeit. Das Handschrift wohl mal aussterben wird, kann man guten Herzens bedauern, zu verhindern suchen, dass in ferner Zukunft in der westlichen Welt alles nur noch in Tasten haut, ist aber nun mal nichts als restaurativ; Menschen haben nicht immer per Hand geschrieben um zu kommunizieren und Menschen werden auch nicht immer Bücher lesen um in Gedankenwelten zu flüchten.

Natürlich weiß das Herr Hein, aber er kann halt nicht anders, als dem Internet nichts abzugewinnen, ist es doch ein schöner Spiegel für unseren mannigfaltigen menschlichen Makel. „Wir sind auf einem Boot ohne Kompass und Moral“ diagnostiziert er in „Neues Leben“ in seiner gewohnt souveränen Lyrik. Doch bevor jetzt vorschnell „Glücksmaschinen“ in die Nichts-Neues-Ecke abgeschoben wird, sei Tocotronic-Produzent Moses Schneiders soundtechnische Aufpolierung erwähnt, die die Fehlfarben endgültig dem 80er New Wave entrissen hat. Satt und druckvoll wird hier nicht zuletzt das Drumming in den Vordergrund produziert. Signet nicht nur des New Wave, sondern der gesamten 80er-Dekade, war ja gerade das Gegenteil: das weit aus dem Hintergrund erschallende künstliche Schlagwerk. Somit gewinnt das Vorhaben natürlich einen gewissen drive, der für alteingesessene Fehlfarben-Kenner ungewohnt ist, dem neuen Jahrhundert aber besser steht (vor allem das schöne „Wir warten“). Abgesehen davon aber, gibt es tatsächlich nicht wirklich Neues. Manchmal erinnern sie gar offensiv an diese Post-Punk-Zappeligkeit von früher („Neues Leben“). „Aufgeraucht“ kennt hingegen in Bebop-Takt gourmierte fundamentale Kapitalismuskritik mittels punktuell erschriener Satire. Nicht kongenial, aber hey, wer macht es sonst hierzulande? Auf diesem Niveau, mit dieser inhaltlichen Substanz. Die Hosen? Plattitüden. Die Ärzte? Also wirklich. Ewige Pubertätsthematik von bald 50-jährigen, damit der Ruhm, der Kontostand stimmt.

Nein, die Fehlfarben erweisen uns schon mit ihrer Nörgelei einen seltsamen Dienst. Natürlich ist ihre Kritik fundamental gedacht bequem, sie werden nicht wirklich helfen Wolfgang Schäubles oder Angela Merkels Schaffen oder Leben zu bedrohen. Aber zu sagen was man nicht will, ist allemal besser als überhaupt nichts oder nur Überflüssiges zu sagen.

Anspieltipps:

  • Wir warten (Ihr habt die Uhr, wir die Zeit)
  • Respekt?
  • Aufgeraucht
  • Vielleicht Leute 5

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