Linkin Park - Hybrid Theory - Cover
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Linkin Park Hybrid Theory


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 38 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Linkin Park verstehen es, auf ihrem Debüt ein Zahnrad ins nächste greifen zu lassen, überlassen Leerlauf den anderen und kreieren ein stimmiges Werk, das von vorne bis hinten überzeugt.

Crossover oder Nu Metal war vor der Jahrtausendwende der ganz heiße Scheiß. Jede Band, die etwas auf sich hielt, verpflichtete einen DJ, MC oder heuerte Beats bei einem renommierten Soundbastler an um die starke Konkurrenz alt aussehen zu lassen, lange bevor angesagte Namen wie Timbaland, The Neptunes oder Autotune zum guten Ton einer Majoralbum-Produktion wurden. Old School Hip Hop und elektronische Klänge gehörten meist zum Standardrepertoire und Megaseller wie Korn („Follow the leader“ – August 1998, „Issues“ – November 1999) oder Limp Bizkit („Significant other“ – Juni 1999, „Chocolate starfish and the hot dog flavoured water“ – Oktober 2000) erfreuten sich an Mehrfach-Platinauszeichnungen und Touren rund um den Globus, während Jungspunde es immer schwerer hatten den recht limitierten Grundzutaten etwas Neues abzugewinnen und meistens schlicht als Nachahmer abgestempelt wurden. Sanftere Klänge wie „Butterfly“ von Crazy Town (zu finden auf dem im November 1999 veröffentlichten „The gift of game“) oder wuchtigere wie „Last resort“ von Papa Roach (befindet sich auf „Infest“ vom April 2000) machten immer wieder auf die brodelnde Szene aufmerksam, mehr als hartnäckige Shooting Stars bzw. One Hit Wonder kamen dabei aber nicht heraus.

Szenenwechsel: 1996 machen die Freunde Mike Shinoda (Keyboard, Gitarre, Gesang, Rap), Brad Delson (Gitarre) und Rob Bourdon (Schlagzeug) ihr gemeinsames Hobby zu einer ernsten Sache, schnappen sich auf der Highschool von Los Angeles den Kunststudenten und DJ Joseph Hahn sowie Darren Farrell (Bassist) und nennen das Fünfergespann Xero, verwerfen den Namen aber bald zugunsten Hybrid Theory und nehmen als weiteres Mitglied Chester Bennington, der den bisherigen Vokalisten Mark Wakefield ablöste, auf, der vorrangig als Sänger agieren sollte. Da ein anderes Musikerkollektiv bereits unter ähnlicher Flagge ihre Songs zum Besten gab (gemeint sind die walisischen Produzenten Hybrid), entscheidet man sich dazu den Namen in etwas Vertrautes abzuändern und kommt schließlich auf den Lincoln Park in Santa Monica, der als Freizeitvergnügen zum Skaten und Abhängen oft Verwendung fand und Linkin Park war geboren. Anschließend wurden euphorisch etliche Gigs gespielt und die energische Performance der Truppe gipfelte nicht nur in einen Vertrag mit Warner Bros., sondern auch in das Debüt, das zugunsten des vorherigen Bandnamens „Hybrid theory“ betitelt wurde und zudem die brisante Mischung aus Rock, Rap, Metal, Pop, sowie elektronische Beats, Scratches und Samples unterstreichen sollte.

Gemeinsam mit Produzent Don Gilmore (Avril Lavigne, Good Charlotte, Lacuna Coil) verschwanden alle in das NRG Studio in North Hollywood, Kalifornien und schrieben sich mit einem Themenkreis rund um jugendlichen Alltagsfrust, elterlichen Scheidungsstress oder Drogen- und Alkoholmissbrauch ziemlich ernste Themen von der Seele, die in ein explosives Crossover-Korsett gesteckt wurden und zusammen mit den Rap-Parts von Shinoda und den Schreiattacken, sowie zurückhaltenden Gesangseinlagen von Bennington schnell Aufmerksamkeiten erregten und die Charts stürmten. Allein der Opener „Papercut“ verströmt mit seiner punktgenauen Inszenierung einen wahren Sog, dem es sich auch bei der härteren Gangart („One step closer“, „By myself“, „Place for my head“, „Forgotten“) oder den etwas stärker um Beats, Scratches und Samples gebauten Stücken („With you“, „Points of authority“, „Runaway“, Cure for the itch“) nicht zu entziehen gilt. Linkin Park verstehen es, auf ihrem Debüt ein Zahnrad ins nächste greifen zu lassen, überlassen Leerlauf den anderen und kreieren ein stimmiges Werk, das von vorne bis hinten überzeugt.

Besonders hervorzuheben wäre vielleicht der Grammy-Gewinner „Crawling“, der das auf „Hybrid theory“ oft angewandte Schema, zwischen lauten und leisen Passagen zu wechseln, bestens bedient, in dem der Refrain nach meditativer, kurzer Einführung über den Hörer hereinbricht, während die Strophe ruhig von Bennington vorgetragen wird, der stellenweise von Shinoda rappende Unterstützung erhält. Als Kontrast dazu präsentieren Linkin Park „In the end“, das die musikalischen Vorzeichen von „Crawling“ einfach umdreht. Neben dem nun wesentlich präsenteren Sprechgesang von Shinoda, mischt sich der aufbegehrende Chorus, der nicht nur im hinteren Drittel auf die Spitze getrieben wird, sondern auch das wiederkehrende Pianomotiv erneut aufgreift, nachdem Chester ein letztes Mal die vor Verzweiflung berstende Zeile „I tried so hard and got so far / But in the end it doesn´t even matter / I had to fall and lose it all / But in the end it doesn´t even matter“ aus sich herausschreit.

Bei Erscheinen der Platte gab es weltweit gemischte Meinungen der Kritiker über das lautstarke Machwerk der fünf Herrschaften, obwohl der kommerzielle Erfolg ganz andere Bände sprach. „Hybrid theory“ wurde das am meisten verkaufte Album 2001 und negative Meinungen, die den nachahmenden Charakter der Platte unterstrichen („Sie verbinden Korn mit Deftones und erinnern den Hörer an ein schwächeres Filter-Album mit weniger Elektronik“), zerstreute die Band eigenhändig („Als wir vor fünf Jahren in Mikes Schlafzimmer saßen, gab es diese ganzen anderen Bands noch überhaupt nicht. Unser Stil entstand ganz einfach aus unseren unterschiedlichen musikalischen Backgrounds“) oder mit Hilfe von unzähligen Platin-Auszeichnungen rund um den Globus. Schade nur, dass Linkin Park den anfänglichen Hype um ihre vielversprechende Truppe nicht ausreichend zu nutzen wussten und mit ihren nachfolgenden Veröffentlichungen lediglich ein Schatten ihrer selbst wurden.

Anspieltipps:

  • Papercut
  • In The End
  • Points Of Authority
  • A Place For My Head

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