Tocotronic - Schall Und Wahn - Cover
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Tocotronic Schall Und Wahn


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 56 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit ihrem letzten Album riefen Tocotronic ihre Hörerschaft 2007 zur kollektiven „Kapitulation“ auf. Die Botschaft der Vorab-Single zu „Schall & Wahn“, dem neunten Langspieler der Hamburger Querdenker, ist ähnlich direkt: „Macht es nicht selbst“ fordert zur Verweigerungshaltung in jeglicher Situation auf: „Was du auch machst / Sei bitte schlau / Meide die Marke / Eigenbau“. Für „Schall & Wahn“ drehten Tocotronic wieder ganz leicht an der Sound-Schraube und entwarfen ein unheimlich ästhetisches Werk, welches sich in einem warmen, hellen Klang leichtfüßig in die Gehörgänge frisst, zu dem Dirk von Lowtzow wieder seine poetisch-tiefgründigen Texte darbietet.

Der achtminütige Auftakt „Eure Liebe tötet mich“ zeigt bereits den vielschichtigeren Ansatz, den Tocotronic für „Schall & Wahn“ wählten, wenn der Song immer wieder von harmonischen und sanftem Gitarrenspiel in instrumentale Noise-Attacken übergeht. Der wundervolle Streichereinsatz bei „Das Blut an meinen Händen“ weist die harmonischen Anteile des neuen Albums aus und legt sich düster und bedrohlich über den Hörer, anschließend lässt sich die Band zum etwas albernen, aber dennoch humorvollen „Bitte oszillieren sie“ hinreißen: „Bitte oszillieren Sie / Ping-Pong / Ohne Hierarchie / Bitte oszillieren Sie / Ich bitte Sie! / Genießen Sie!“. Vollkommen von der Rolle zeigt sich die Band beim Song „Stürmt das Schloss“, der von einem hetzenden Schlagzeug angetrieben und von einem gluckerndem Keyboard sowie Noise-Gitarre vor die Wand gefahren wird. Dazwischen befinden sich – falls man das Wort überhaupt im Zusammenhang mit diesem Album verwenden darf – auch eher konventionelle, aber schlicht großartige Pop-Rock-Songs, wie das von Bläsern gestützte „Die Folter endet nie“ oder das lediglich von Streichern und Akustikgitarre getragene „Im Zweifel für den Zweifel“.

Tocotronic schaffen auf ihrem neuesten Album einen Spagat zwischen benommener Ernsthaftigkeit und augenzwinkernder Albernheit, „Schall & Wahn“ steht immer zwischen den Stühlen und wird zu keinem Zeitpunkt wirklich greifbar. Tatsächlich ist das neue Werk vielschichtiger und in seinem Klangspektrum vielseitiger als zuletzt „Kapitulation“. Besonders das abschließende „Gift“ kann hier noch einmal für die Unnahbarkeit des Albums genannt werden, mit dem die Band ihre so genannte „Berlin-Trilogie“ abschließt: Nach ruhigem und sich langsam aufbauenden Beginn, setzen schräge und aufheulende Gitarren ein, bevor dramatische Streicher den Song schließlich in einer sich stetig windenden Spirale untergehen lassen: „Dieses Gift / Ist eine Gabe / Die Freude / Meiner Tage / Dieses Gift ist / Das Parfum / Das ich heute / Abend trage.“ Tocotronic infizieren auch auf „Schall Und Wahn“ den Hörer mit ihrem schönen Gift.

Anspieltipps:

  • Eure Liebe tötet mich
  • Das Blut an meinen Händen
  • Keine Meisterwerke mehr
  • Im Zweifel für den Zweifel
  • Gift

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